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„Wieso Frankreich auf der Impf-Überholspur ist“
Frankreich macht vor, wie mit Anreizen für Geimpfte und einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen die Impfquote verbessert werden kann. Im „impfskeptischsten Land der Welt“, wie die deutsche Wochenzeitung Die Zeit zum Auftakt der Impfkampagne im Januar schrieb, sind inzwischen rund 80 Prozent aller Einwohner über zwölf Jahren vollständig geimpft. Damit hat Frankreich Deutschland überholt. Was den Franzosen noch wichtiger ist: sie haben jetzt eine bessere Impfquote als die Briten, die ihnen lange als Vorbild vorgehalten wurden.
Zuschreiben kann sich diesen Erfolg Präsident Emmanuel Macron. Er hat das Impfen im Juli zur Chefsache erklärt, als nach anfänglichen Erfolgen die Impfkampagne nur noch schleppend vorankam. Dazu zählte ein gewisser Mut: Die französische Variante der sogenannten Querdenker-Bewegung macht sich seit Wochen lautstark mit Protesten an jedem Samstag bemerkbar.
Mit seiner Fernsehansprache am 12. Juli löste Macron einen regelrechten Impf-Boom aus. Der französische Präsident kündigte in seiner Rede Anreize für geimpfte Personen an. Sie dürfen nun ohne Corona-Test ins Restaurant und ins Café, in Theater, Kinos, Schwimmbäder und Freizeitparks. In etlichen großen Einkaufszentren ist der Einlass ebenfalls nur mit dem „Gesundheitspass“ genannten Impfnachweis möglich. Genesende können ebenfalls einen Gesundheitspass erhalten, wenn sie ihre zurückliegende Infektion mit einem PCR-Test belegen können.
Keine Personalengpässe befürchtet
Der Gesundheitspass ist verpflichtend für Fernreisen im Zug, im Reisebus und auf innerfranzösischen Flügen. Auch für große Sportveranstaltungen und Konzerte muss er vorgelegt werden. Ohne den Pass muss ein negatives Test-Ergebnis vorgewiesen werden. Bald gibt es keine Corona-Tests auf Krankenkassenkosten mehr. Vom 15. Oktober an müssen ungeimpfte Franzosen die Kosten für die Tests zum Restaurant- oder Theaterbesuch selbst tragen. Daran hat Premierminister Jean Castex jetzt erinnert.
Der Präsident hat zudem eine Impfpflicht für alle Berufsgruppen in Altenpflegeheimen und Krankenhäusern, für alle niedergelassenen Mediziner und deren Beschäftigte, Apotheker, Medizinstudenten sowie für Feuerwehrleute erlassen. Insgesamt sind 2,7 Millionen Franzosen von der Impfpflicht betroffen. Sie tritt am Mittwoch in Kraft. „Wir hätten sogar gern schon früher eine Impfpflicht gehabt“, sagte der Vorsitzende des französischen Krankenhausverbandes Fédération hospitalière de France, Frédéric Valletoux, dem Radiosender Europe 1. Es sei gut, dass das Gesetz jetzt gelte. Er befürchte nicht, dass es zu Personalengpässen komme, weil ungeimpfte Krankenschwestern und Pfleger vom Dienst suspendiert werden müssten.
Nach Schätzungen des französischen Gesundheitsministeriums sind noch etwa 300.000 Beschäftigte im Pflegebereich nicht vollständig geimpft. „Die Gruppe der Ungeimpften wird jeden Tag kleiner“, sagte Valletoux. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums hatten am 7. September 88 Prozent des Pflegepersonals eine erste Impfdosis erhalten, bei den niedergelassenen Ärzten und deren Beschäftigten 94 Prozent. Anfang Mai hatten laut dieser Statistik 51 Prozent der Mitarbeiter im medizinischen und im Pflegebereich eine Impfdosis erhalten.
Schon seit Pflichtimpfung wegen Masern
Frankreich kennt seit langem eine Impfpflicht für Gesundheitsberufe. So müssen sich die darin Tätigen gegen Tetanus, Kinderlähmung, Diphterie und Hepatitis B impfen lassen. Seit 2018 gilt eine erweiterte Impfpflicht für alle Kleinkinder. Eltern müssen sie gegen elf ansteckende Krankheiten verpflichtend impfen lassen, wenn sie eine Krippe, einen Kindergarten oder die Grundschule besuchen wollen. Es wird überprüft, ob die Kinder gegen Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hepatitis B, Haemophilus influenzae Typ b, Pneumokokken, Meningokokken, Masern, Mumps und Röteln geimpft wurden.
Ausschlaggebend für die erweiterte Impfpflicht war eine Masernepidemie. „Noch immer sterben Kinder an Masern, das ist in der Heimat von Louis Pasteur nicht hinnehmbar“, sagte der damalige Regierungschef Edouard Philippe. Der harte Kern der Impfgegner und die abnehmende Impfbereitschaft macht französischen Politikern schon seit geraumer Zeit Sorgen. Das ist der Hintergrund, vor dem sich Macron zu seinem beherzten Durchgreifen entschloss.
Am Samstag kam es wie an den vorangegangenen Wochenende wieder zu Protesten gegen die angebliche Gesundheitsdiktatur. Das Innenministerium gab die Zahl der Teilnehmer mit insgesamt 121000 an. Die Teilnehmerzahlen sind seit Wochen rückläufig. Demonstrationen fanden am Samstag in Straßburg, Lyon, Bordeaux und Marseille statt. In Paris arteten die Proteste in gewalttätige Konfrontationen mit den Sicherheitskräften aus. 96 Krawallmacher wurden nach Angaben der Polizei festgenommen. Laut Innenministerium wurden drei Polizisten leicht verletzt.
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