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Die Faust, die Sean „Diddy“ Combs nach der Verkündung des Urteils immer wieder in die Luft stieß, sagte alles. Nach einem der aufsehenerregendsten Strafprozesse der vergangenen Jahre hatten die Geschworenen des Bundesgerichts in New York den früheren Musikmogul einige Sekunden zuvor bei drei der fünf Anklagepunkte für unschuldig erklärt – auch zu dem Vorwurf der organisierten Kriminalität, der Combs unter Umständen einen Lebensabend im Gefängnis beschert hätte.
„Not guilty“ verkündete der Vorsitzende Richter Arun Subramanian am Mittwochvormittag (Ortszeit) zudem zu den Vorwürfen der Bundestaatsanwaltschaft, der Fünfundfünfzigjährige habe seine früheren Lebensgefährtinnen Cassie Ventura und „Jane“ anderen gegen ihren Willen für sexuelle Begegnungen angeboten. Die Jury, vier Frauen und acht Männer, erklärten den Gründer des Labels Bad Boy Records lediglich für schuldig, Ventura und ihre Nachfolgerin laut der sogenannten Mann Act zur Prostitution von einem Bundesstaat in den nächsten gebracht zu haben. „Danke“, ließ Combs die Geschworenen nach der Urteilsverkündung wissen, legte die Hände zum Gebet zusammen und ging auf die Knie.
Mit Videoaufnahmen unter Druck gesetzt
Nach mehr als sechs Prozesswochen hatten sich die Geschworenen vergleichsweise leicht getan. Am Montag, dem ersten Tag der Beratungen, zweifelten einige zwar am Willen eines Jurymitglieds, den Anweisungen des Gerichts zu folgen. Als der Vorsitzenden Richter die Geschworenen per Brief anwies, die Beratungen pflichtgemäß fortzusetzen, ging es hinter verschlossenen Türen aber bald wieder um Drogengesetze und die Voraussetzungen für eine Verurteilung wegen organisierter Kriminalität.
Am Dienstag bat die Jury das Gericht auch um Protokolle von Venturas Aussage. Die Sängerin und wichtigste Zeugin der Bundesstaatsanwaltschaft, die mit einer Zivilklage gegen Combs Ende November 2023 die strafrechtlichen Ermittlungen lostrat, hatte im Zeugenstand vier Tage lang zu Gewaltexzessen, erzwungen sexuellen Begegnungen mit männlichen Prostituierten und einer Vergewaltigung durch den Rapper im Jahr 2018 ausgesagt.
Ventura berichtete auch, wie Combs sie während des Geschlechtsverkehrs mit Callboys und Pornodarstellern filmte, um sie später mit den Aufnahmen unter Druck zu setzen. Combs‘ Verteidiger Marc Agnifilo, Teny Geragos und Brian Steel stellten die „Freak-Offs“, bei denen ihr Mandant meist masturbierte, im Schlussplädoyer als ausgefallene, aber einvernehmliche sexuelle Abenteuer dar. Die Bundesstaatsanwältin Christy Slavik beschrieb den Angeklagten dagegen als Kopf einer kriminellen Vereinigung. „Mit den Mitgliedern dieser Vereinigung betrieb er jahrzehntelang Sexhandel, Zwangsarbeit, entführte Menschen und verübte einen Brandanschlag auf ein Auto“, fasste die Juristin die Anklagepunkte für die Jury zusammen.
Mindestens zwei Verstöße hätten nachgewiesen werden müssen
Dass es schwer werden würde, die Geschworenen von dem sogenannten Racketeering zu überzeugen, bahnte sich schon zu Beginn des Prozesses an. Die Bundesstaatsanwaltschaft verwies zwar immer wieder auf Combs‘ Angestellte und Begleiter, die bei der Organisation der Orgien halfen, Hotelsuiten buchten sowie Babyöl und Rauschmittel bereithielten. Zeugen wie David James, der frühere Assistent des Rappers, und Eddie Garcia, ein ehemaliger Wachmann des Hotels Intercontinental in Los Angeles, wo Combs Ventura im Jahr 2016 vor einer Überwachungskamera verprügelte, sagten aber aus, ihnen sei nicht bewusst gewesen, dass sie an einem mutmaßlichen kriminellen Netzwerk laut des „Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act“, kurz RICO, beteiligt waren.
Das Gesetz, im Jahr 1970 zur Verfolgung der Mafia verabschiedet, listet 35 Straftaten, darunter Mord, Erpressung, Geldwäsche und Entführung. Für eine Verurteilung hätte die Anklage Combs mindestens zwei Verstöße nachweisen müssen. „RICO ist aber schwer zu belegen. Das Gesetz verlangt den Nachweis von kriminellen Strukturen und eine Gruppe von Personen, die über längere Zeit an ihnen beteiligt waren“, sagte der frühere Bundesstaatsanwalt Mitchell Epner der „Los Angeles Times“. Während des Prozesses gegen Combs war es der Verteidigung immer wieder gelungen, die Vorwürfe der Anklage zu einem mutmaßlichen Netzwerk hinter den „Freak-Offs“ zu erschüttern.
„Die Anklage gegen Combs war schwach. Die Jury ist offensichtlich davon ausgegangen, dass die sexuellen Begegnungen einvernehmlich waren. Die meisten Geschworenen denken, dass Opfer gehen können, wenn sie missbraucht werden“, erinnerte der ehemalige Staatsanwalt Neama Rahmani an Venturas Aussage. Die Achtunddreißigjährige hatte im Zeugenstand zugegeben, trotz der angeblich erzwungenen Orgien zehn Jahre mit Combs verbracht zu haben. Die Sängerin Aubrey O’Day, ein früheres Mitglied der von dem Musikmogul gegründeten Girl Group Danity Kane, warnte nach dem Urteil vor der Verharmlosung von Sexualstraftaten. „Ich hoffe, dass die Geschworenen nie erleben müssen, wie einer ihrer Angehörigen das durchmachen muss, was die Frauen ausgesagt haben“, schrieb sie am Mittwoch bei Instagram.
„Mein Herz ist gebrochen“
Auch die Schauspielerin Rosanna Arquette, ein mutmaßliches Opfer des Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein und Sprachrohr von #MeToo, machte ihrer Enttäuschung Luft. „Mein Herz ist gebrochen“, ließ sie die Fans in sozialen Medien wissen. Der Rapper 50 Cent verglich Combs bei Instagram mit dem New Yorker Mafioso John Gotti. „Diddy hat die Anklage zu RICO niedergeschmettert. Der Typ ist böse!“, schrieb er.
Combs bleibt derweil im Gefängnis. Das Gericht lehnte am Mittwochnachmittag den Antrag seiner Verteidiger ab, den Grammy-Preisträger gegen eine Million Dollar Kaution bis zur Verkündung des Strafmaßes aus der Haft zu entlassen. Der Vorsitzende Richter Subramanian begründete die Entscheidung mit der möglichen Gefahr, die von Combs ausgehe. „Sie haben der Jury in ihrem Schlussplädoyer gesagt, dass es zu Gewalt gekommen ist. Sie selbst haben die Gewalt zugegeben“, ließ der Jurist Combs‘ Verteidiger Agnifilo wissen.
Die Bundesstaatsanwaltschaft forderte nach der Urteilsverkündung die Höchststrafe von 20 Jahren – zehn Jahre für jeden der beiden Anklagepunkte zu Prostitution, die Combs Schuldsprüche einbrachten. In der kommenden Woche entscheidet das Gericht, wann das Strafmaß verkündet wird.
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