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„Wir denken immer noch nur an uns selbst“
Drei Männer sind sich einig: Wir dürfen unseren Wohlstand nicht aufs Spiel setzen. Auf gar keinen Fall. Die Wirtschaft muss prioritär behandelt werden, das sagen sie wirklich: „prioritär“. Draußen stürmt und schüttet es, draußen tobt der brutalste europäische Krieg in diesem Jahrhundert, aber hier drinnen im schön ausgeleuchteten Fernsehstudio sagen die drei Männer allen Ernstes: „Wir müssen uns doch nicht mehr schaden als nötig“.
Drei Männer im Wohlstandsmodus: Friedrich Merz (CDU), Christian Dürr (FDP) und – besonders unverhohlen lobbyistisch – Stefan Wolf, der Arbeitgeberpräsident fürs Gesamtmetall. Sie alle bestätigen sich in der Einsicht, dass „rigorosere Maßnahmen gegen Russland“ unabsehbare Folgen für die deutsche Industrie hätten. Sie sagen Worte wie „Katastrophe“, „Zusammenbruch“ oder „Kollaps“, aber meinen damit nicht das, was in Mariupol, Butscha oder Luhansk passiert, sondern, was der deutschen Wirtschaft passieren könnte.
Selten klangen Sätze so falsch wie an diesem Abend. Dazu passte das überlegene Lächeln von Friedrich Merz, wenn er zu Beginn der Sendung fast schon mit ironischem Beiklang davon sprach, „dass uns nun alle die Augen geöffnet seien“. Ohne zu zögern gab er Einsicht in seine ratio: Wenn die deutsche Politik die Öl- und Gaslieferungen aus Russland beendet, werde es Proteste aus der Bevölkerung geben, wenn aber Putin den Hahn zudreht, dann werde uns das „als Gesellschaft zusammenschweißen“. Der Oppositionsführer in seinem Element: Die Welt erklären, sein strategisches Denken vorstellen. Eigentlich fehlt nur noch ein Bierdeckel, auf dem er mit ein paar Strichen die für die Ukrainer militärisch klügste Verteidigungstaktik aufzeichnet.
Besserwissender Herrenclub mit geübtem Pathos
Phasenweise wirkte die Runde bei Maybrit Illner wie ein besserwisserischer Herrenclub. Kein Blatt passte zwischen den FDP-Fraktionsvorsitzenden und den Arbeitgeberpräsidenten beim Perhorreszieren möglicher Energieengpässe: Lieferketten würden abreißen, ganze Grundstoffindustrien zusammenbrechen, massenweise Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen – und das bedeute, so Dürr mit eingeübtem Pathos in der Stimme, dass „auch Dialyseschläuche nicht mehr hergestellt werden können“. Und nicht nur das: Die „ganze pharmazeutische Industrie“ würde dann vor die Hunde gehen – rief Merz übermütig rein und formulierte anschließend als Sinnspruch „Wenn wir uns mehr schaden, als wir Putin schaden, ist nichts gewonnen”.
Wir militärisch ausgenüchterten Deutschen
Dabei hatte die Europäische Union in Brüssel gerade weiterreichende Maßnahmen beschlossen – ein Importstopp von Kohle, Kaviar und Wodka, ein Transaktionsverbot für russische Banken, ein Einreisestopp für russische Schiffe. Die europäischen Partner waren sich weitgehend einige, nur Deutschland stand wieder einmal auf der Bremse und setzte eine „viermonatige Übergangsfrist“ durch. Da lächelte der lang erfahrene Oppositionsführer Merz verschmitzt und erinnerte mokant an die Ölkrise 1973 – auch da hätte der Staat regulierend eingreifen müssen. Es sei wichtig, vorbereitet zu sein, um von einem Energiestopp Putins nicht kalt erwischt zu werden. Allerdings fragt man sich als Außenstehender schon, was genau den qualitativen Unterschied ausmacht, wenn Putin die Lieferungen stoppt, als wenn wir es von selbst tun.
Auf eine Überzeugung konnten sich die drei Strategen neben dem Wirtschaftlichen schnell einigen: Die Menschen in der Ukraine verteidigen die liberale Demokratie, verteidigen mithin „auch unsere Freiheit“, sagten sowohl Merz als auch Dürr. Aber stimmt das wirklich? Verteidigen sie nicht in erster Linie ihr Leben? Ihre Familien? Ihre Heimat? Nein, nein, sie verteidigen vor allem unsere Freiheit und deshalb (nicht wegen dem beispiellosen Unrecht, das der Ukraine widerfährt), müssen wir ihnen auch Waffen liefern. Wir, die Friedliebenden, die militärisch Ausgenüchterten, die, deren Wohlstand um jeden Preis intakt bleiben soll.
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