Krieg, Konflikte und Armut machen ein Land zu einem Ort voller Hungernder und Gewaltopfer, sie können aber auch viele Probleme, existentielle Krisen, regelrecht exportieren. Wasserkrisen zum Beispiel. Die Krise kommt damit in Länder, in denen zwar Ruhe und vielleicht sogar Frieden herrscht, wo aber Wassermangel zum Alltag gehört, wo der Klimawandel den Mangel zusätzlich verschärft und wo der Zustrom an Flüchtenden die brisante Wassersituation jeden Tag weiter destabilisiert.
Auf diese sich zuspitzende Entwicklung – einer möglichen Destabilisierung – macht ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Umweltökonomen der University of Notre Dame im amerikanischen Bundesstaat Indiana aufmerksam.
Natürlich wissen die Forscher, dass die Berechnung des „Wasser-Fußabdrucks“ von Flüchtlingen, den sie zum Gegenstand ihrer Studie gewählt haben, ein politisch sensibles Thema ist. In ihrer Analyse in der Zeitschrift „Nature Communications“ warnen sie deshalb auch „mit Blick auf die von rechten Kreisen kommende, zunehmende Rhetorik gegen Flüchtende und Migranten“, die Gewaltopfer als Auslöser für Krisen in anderen Ländern abzustempeln. Vielmehr versuchen sie, die Empfängerländer zu mehr Vorsorge und Aufklärung zu bewegen. Tatsächlich müssten sich einige Länder durch die Anpassung der Wassermanagementpläne und auch durch den Aufbau neuer Lieferketten für Nahrungsmittel auf die neue Entwicklung besser einstellen.
Zwischen 2005 und 2016, so weit reicht die Datenauswertung der Forscher zurück, habe sich der Wasser-Fußabdruck der Flüchtenden weltweit um 75 Prozent erhöht. Unter den Wasser-Fußabdruck fällt zum einen der Wasserverbrauch (pro Kopf) der grenzüberschreitenden Auswanderer, zum anderen auch die Menge an Wasser, die für die Ernährung der Neuankömmlinge – von der Erzeugung bis zur Nahrungsmittelverteilung – jährlich aufgebracht werden muss.
In den allermeisten Ländern der Erde hat sich dieser Wasser-Index durch Flüchtlingsbewegungen marginal verändert. Ein erheblicher „Wasserstress“ durch Flucht wird den Wissenschaftlern zufolge quasi nur in einigen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens erzeugt: vor allem in Pakistan, Iran, der Türkei, Libanon und Jordanien. Dort ist die Wasser-„Nachfrage“ insbesondere durch Zuwanderung aus den Konfliktregionen in Afghanistan, Syrien, im Irak und in Palästina in den letzten Jahren massiv angestiegen. In allen anderen Erdteilen haben Flüchtende den Wasserbedarf allenfalls um wenige Prozent erhöht.
Auch die Europäische Union, die schon zahlreiche Flüchtende aufgenommen hat, ist in dieser Hinsicht – obwohl es hier auch Gebiete mit erheblich steigenden Wasserdefiziten gibt – praktisch gar nicht betroffen. Was auch daran liegt, so die Forscher, dass die Flüchtlinge hier in Gebiete kommen, wo der Konsum mit stark wasserverbrauchenden Gütern praktisch längst Alltag ist. Wer aus Konfliktregionen flüchtet, hat nicht nur im Vergleich zu den Einheimischen einen viel geringeren Wasser-Fußabruck, sondern auch im Vergleich zu Auswanderern, die aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen.
Weltweit wurden laut UN-Flüchtlingskommissariat bis 2021 ungefähr 80 Millionen Menschen als Opfer von Konflikten und Gewaltherrschaften registriert, wovon 30 Millionen über die Landesgrenzen hinaus geflohen sind. Allein im Untersuchungszeitraum der Studie zwischen 2005 und 2016 hat sich die Zahl der Flüchtenden von 12,1 Millionen auf 23,1 Millionen verdoppelt. Als besonders markantes Beispiel für die exportierte Wasserkrise gelten dabei Syrien und Jordanien. Im südlichen Syrien waren schon während des Bürgerkriegs viele Häuser und Agrarbetriebe entlang des Jordan-Flusses aufgegeben worden. Mehr als eine Million Syrer flohen ins benachbarte Jordanien und verschärften innerhalb weniger Jahre den Wassermangel, der sich dort schon seit Jahrzehnten in der Landwirtschaft und Wasserversorgung zuspitzte.
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