Inhaltsverzeichnis

Verschwendung pianistischer Exzellenz wurde ihr vom Lehrpersonal des renommierten Peabody-Institutes in Baltimore vorgeworfen. Tori Amos hatte man dort im Alter von fünf Jahren zu unterrichten begonnen, musste aber akzeptieren, dass die hochbegabte Elfjährige dann doch lieber Rock ’n’ Roll spielen wollte, als Franz Schuberts Moments musicaux angemessen romantisch auszuführen. Mancher unbefangene Besucher ihrer später wie Epiphanien zelebrierten Konzerte wird sich wohl auch gefragt haben, wozu sie für diese stets einen Bösendorfer-Flügel verwende. Muss es ausgerechnet dieses musikalisch-technische Wunderwerk aus Wiener Manufaktur für klangschöne Passagen sein – ein Honkytonk-Klavier tut es doch auch, wenn die bei Konzerten meist voll aufgedrehte PA-Anlage ohnehin keine Anschlagsnuancen ermöglicht?
Schräge Gedanken mögen das für die Fans sein, die den Merchandise-Stand in der Alten Oper schon vor dem Konzert belagern und sich mehr mit der Frage beschäftigen, ob sie die neue Vinylplatte ohne Autogramm (für dreißig Euro) oder handsigniert erstehen sollten (fünfundsechzig Euro). Dann vielleicht doch lieber das preiswertere T-Shirt mit einer Lyrikzeile aus ihrem Song „Precious Things“ kaufen, der sinngemäß übersetzt etwa so lautet: „Nur weil du mich kommen lässt, bist du noch nicht Jesus.“ Die brennendste Frage war hier allerdings, mit welchem Stück aus der Setlist die Pianistin, Sängerin und Komponistin ihr Frankfurter Abschlusskonzert der aktuellen „Ocean to Ocean“-Tour beginnen wird: mit „God“ wie in der Queen’s Hall von Edinburgh? Oder mit „Take to the Sky“ wie in Halle?
Eine Art Märchen
Tori Amos, eskortiert vom E-Bassisten Jon Evans am linken Bühnenrand und dem Schlagzeuger Ash Soan rechts, setzt sich zwischen den Flügel und die beiden schräg hinter ihr aufgebauten Keyboards und beginnt mit einer schier endlosen Klavier-Introduktion aus immer wieder leicht variierten Motiven „A Sorta Fairytale“ vom 2007 herausgebrachten Album „Scarlet’s Walk“. Zehn Minuten dauert ihre Liveversion gegenüber der vierminütigen Studioaufnahme. Dafür liebt man sie als unberechenbare Vertreterin der uramerikanischen Singer-Songwriter-Tradition. Tori Amos macht nie, was man möchte oder sich ausmalt, immer nur das, wonach ihr der Sinn steht. Das hat nicht selten auch Kenner ihrer Kunst in die Irre geführt und unsicher werden lassen, ob das, was man zu hören bekommt, überhaupt der Song ist, den man bisher kannte.
Als ein schier unglaubliches Meisterwerk an Coverversionen, man könnte es auch eine geniale musikalische Camouflage nennen, muss man da etwa ihre Aufnahme „Strange Little Girls“ aus dem Jahr 2001 bezeichnen, mit der sie etwa „Raining Blood“ von der Speed-Metal-Ikone Slayer, dann Eminems „97 Bonnie & Clyde“ oder auch „I Don’t Like Mondays“ von den Boomtown Rats in zerbrechlich-poetische Balladen verwandelt hat, die kein noch so versierter Musikwissenschaftler je auf ihre Basis zurückführen könnte. Da erweist sie sich selbst als eine subtile Klangforscherin, die die Substanz der jeweiligen Songs zu erkennen und hervorzubringen vermag, statt mit wohlfeilen Kopien am Erfolg anderer zu partizipieren. Aber auch bei den Gesangstexten der aus Prinzip rothaarigen Musikerin kann man nie sicher sein, ob sie so direkt gemeint sind, wie sie erscheinen, oder doch eine mehr oder weniger verschlüsselte Botschaft für Eingeweihte enthalten. Im Grunde sind viele anspielungsreiche Passagen Ausdruck einer Haltung, die sich mit einer Verszeile Emily Dickinsons umschreiben ließe: „Das Rätsel, das wir lösen könnten, verachten wir sehr schnell.“ Auch Interviewer konnten bisweilen davon ein Lied singen und waren nicht selten geneigt, auch ihre ganz normal wirkenden Antworten für eine besonders raffinierte Form der gesellschaftlichen Subversion zu halten.
In Frankfurt hat sie jetzt fast so etwas wie ein Best-of-Konzert gegeben, mit Songs wie „Honey“ oder „Girl“ von der ersten offiziellen Einspielung „Little Earthquakes“ aus dem Jahr 1992, über „Amber Waves“ von „Scarlet’s Walk“ und „Pandora’s Aquarium“ von dem überwältigend düsteren Album „From The Choirgirl Hotel“ bis zu dem pianistischen Solostück „Sister Janet“ von „Under the Pink“ und dem frühen Hit „Cornflake Girl“ als Zugabe; nicht zu vergessen den Titelsong von „Ocean to Ocean“ als einziges neues Werk. Auch wenn manche der Stücke durch die Akteure an den Mischpulten nahezu in die Sphäre von Phil Spectors berüchtigtem „Wall of Sound“ gerückt wurden und die vokalen Passagen gelegentlich durch elektronische Klangspuren kryptischer erschienen, als sie von Tori Amos schon angelegt waren, kam doch genügend an musikalischer Intensität und überwältigendem rhythmischem Drive zum Vorschein, wie man es von ihren Konzerten kennt. Fast hatte man den Eindruck, als fühle sich die Band nach einer erfolgreichen Tournee wie befreit vom Stress und koste die Stimmung im vollen Saal vor einer am Ende an die Rampe drängenden Fangemeinde in langen, kaum enden wollenden Improvisationen noch einmal weidlich aus. Da ging der Rock ’n’ Roll mit Tori Amos durch. Die große Individualistin, zu feinsten vokalen Subtilitäten fähige, unterschiedlichste Klänge in überraschend strukturierte Klavierpassagen fügende und alles mit feiner Poesie und gesellschaftlich stark wirkenden Texten umgebende Künstlerin kann man auf ihren mittlerweile sechzehn Alben besser nachhören.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.