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Auf der Fahrt sagt Stefanie Fischer: „Jetzt komme ich zum ersten Mal nach Oberbrechen.“ Dabei hat die am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung lehrende Historikerin ein ganzes Buch über den hessischen Ort bei Limburg geschrieben. Doch in den zwölf Jahren, seit die Arbeit daran begann, ist sie nie dorthin gereist. Heute aber ist Buchvorstellung. Und Fischer ist besorgt, dass die Oberbrechener sich beklagen könnten, dass deren Perspektive nicht ausreichend zur Geltung gekommen sei. Immerhin geht es um die NS-Vergangenheit des Dorfes. Und den Umgang damit in der Nachkriegszeit.
Vielfach in Oberbrechen war dagegen Fischers Co-Autorin Kim Wünschmann, Direktorin des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden. Sie verlebte hier die ersten fünf Jahre ihres Lebens, denn Wünschman ist die Enkelin eines der Protagonisten des Buchs: Josef Kramm, von 1972 an fast ein Jahrzehnt lang Bürgermeister. Es waren Kramm und sein Freund, der Lokalhistoriker Eugen Caspary, beide in der Nazi-Zeit noch Kinder, die sich bemühten, mehr als ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende wieder Kontakt zu jenen früheren jüdischen Mitbürgern zu knüpfen, die es geschafft hatten, in den Dreißigerjahren das Land zu verlassen. Von den 22 Juden, die Anfang 1933 im damals 1300 Bewohner zählenden Oberbrechen lebten, wurden sechs in der Schoa ermordet, eine Frau hat sich im August 1934 unter bis heute ungeklärten Umständen umgebracht.

An alle diese 22 Opfer des Rassenwahns erinnert seit zwei Jahren eine Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen Dorfschule – „dem Ort, in dem alle Oberbrechener, egal welcher Konfession, zusammenkamen“, wie Gregor Beinrucker vom Arbeitskreis Historisches Brechen sagt. Er hat zusammen mit seiner Mitstreiterin Doris Hecker den Abend vorbereitet und die Autorinnen am Bahnhof abgeholt: Am Nachmittag vor der Vorstellung des Buchs geht es noch zu einigen darin erwähnten Schauplätzen. Und es ist verblüffend, nun wirklich an all diesen Orten zu stehen, von denen man sich dank der Lektüre ein so gutes Bild hat machen können. Da stimmt einmal die gängige Rede vom „déjà vu“.
Comic mit wissenschaftlichem Anspruch
Sie stimmt deshalb, weil der schlicht „Oberbrechen“ betitelte Band keine normale historische Studie ist, sondern als wichtigstes Element einen Comic enthält: Fast hundert Seiten lang erzählt der von Fischers und Wünschmanns Recherchen und deren Ergebnissen. Diese Form betritt Neuland für die deutschsprachige Geschichtsschreibung – auch deshalb, weil es hierzulande in der Wissenschaft als unfein gilt, wenn Autoren die eigene Person in ihre Darstellung einbeziehen. Erschienen ist Fischers und Wünschmanns Buch denn auch in den Vereinigten Staaten, bei einem der renommiertesten Sachbuchverlage der englischsprachigen Welt, Oxford University Press.

„Oberbrechen – A German Village Confronts its Nazi Past“ ist Teil der im dortigen Programm bereits 2013 etablierten „Graphic Histories Series“, die mittels buchstäblich zu verstehender Historio-Graphik neue Vermittlungswege gehen will, ohne dabei klassische wissenschaftliche Standards zu vernachlässigen: Dem Comic zum jeweiligen Thema folgen Quellenmaterial und Forschungsberichte; im Falle des Oberbrechen-Buchs sind das noch einmal 160 Seiten.
„Hier wird nichts vergessen, aber auch nicht darüber gesprochen“
Den Comic dazu hat Liz Clarke aus Südafrika gezeichnet, die schon mehrfach im Rahmen der Verlagsreihe tätig geworden ist. Sie ist also nicht selbst Forscherin, sondern Dokumentaristin, und verwendete für die Umsetzung ihrer aktuellen Geschichte Bildvorlagen, die ihr die beiden deutschen Szenaristinnen geschickt hatten. Clarkes Farbgebung gestattet die Einordnung der sich im Comic durchdringenden Zeitebenen: In Grautönen sind die deutschen Ereignisse vor 1945 gehalten, in blassen Farben die unmittelbare Nachkriegszeit, kräftiger wird es dann in den Sechzigern und Siebzigern, als einige Oberbrechener Juden tatsächlich auf Einladung Josef Kramms zu Besuchen zurückkehrten. Und intensiv bunt ist die Zeit seit 2013 dargestellt und damit die konkrete Forschungsarbeit der beiden deutschen Historikerinnen.
Ihr verdankt sich auch die Rekonstruktion der 22 Schicksale, die die Gedenktafel am ehemaligen Schulhaus nennt, und darauf aufbauend im Vorraum des Pfarrsaals, in dem am Abend die Buchvorstellung stattfinden wird, eine vom Arbeitskreis erstellte Ausstellung: „Jüdische Bürger in Oberbrechen“. Anfangs, so erinnert sich Doris Hecker, gab es Befürchtungen, dass die Gedenktafel Verärgerung auslösen und beschmiert werden könnte. Aber das geschah nicht. Allerdings ist der Arbeitskreis in den vergangenen beiden Jahren auch noch von niemandem im Ort auf die Tafel angesprochen worden. Gregor Beinrucker fasst den Umgang mit der Vergangenheit in Oberbrechen so zusammen: „Hier wird nichts vergessen; es wird nur nicht darüber gesprochen.“
Der Angriff auf die Trauergemeinde im April 1938
Deshalb sind er und Hecker auch gespannt, wie es an diesem Abend zugehen wird – und ob sich überhaupt viele Leute blicken lassen werden. Doch zuvor geht es am Eckhaus vorbei, in dem sich früher das Hotel „Nassauischer Hof“ befand. Dort logierten die jüdischen Besucher nach dem Krieg meist, heute beherbergt das Gebäude einen Blumenladen, ein Hotel gibt es im nun 2800 Einwohner zählenden Oberbrechen nicht mehr. Dafür müssen wir ins benachbarte Weyer, aber das wäre ohnehin unumgänglich gewesen, denn dort befand sich früher eine Synagoge. Und auf einem kleinen Friedhof hoch über dem Ort begrub die Gemeinde ihre Toten, darunter auch die Juden aus Oberbrechen.

Auf einem steilen Wiesenstück verteilen sich 58 Grabsteine, der älteste ist von 1841 (als jüdischer Friedhof ist der Platz aber schon viel länger dokumentiert), und das jüngste Grab stammt aus dem April 1938. Es ist das von Rosa Stern aus Oberbrechen, und mit dieser Bestattung verbindet sich eine schlimme Geschichte, die im Comic enthalten ist: Hitler-Jungen warfen damals vom Zaun des Friedhofs aus Steine auf die ohnehin spärliche Trauerschar. Rosas darüber schockierte Tochter Selma verließ mit ihrem Mann Max Altmann wenig später Oberbrechen und gelangte im Folgejahr nach England. Wer von den Oberbrechener Juden dann noch zurückgeblieben war, wurde deportiert und ermordet. Heute gibt es keine Juden mehr in den Dörfern, also auch keine Beerdigungen in Weyer.
Eine letzte Augenzeugin hört der Buchvorstellung zu
Selma Altmann kam 1965 für einen Kurzbesuch nach Oberbrechen zurück, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Das war wie andere Familiengräber der Sterns nach dem Krieg von einem katholischen Ehepaar gepflegt worden. Ihm hatte der in Oberbrechen geborene Herman Stern (ein Großcousin von Selma, der schon 1903 in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und vor dort aus später Dutzende von Juden bei ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland unterstützt hatte) diese Pflicht als Gegenleistung für das „arisierte“ Elternhaus abverlangt, in dem das Paar nun wohnte. Niemand wusste 1965 von Selma Altmans Besuch außer ihrem früheren Kindermädchen, bei dem sie unterschlüpfte. Und der heute über neunzigjährigen Oberbrechenerin Ria Schneider, die zu der Buchvorstellung ein Armband mitbringen wird, das ihr Selma Altman bei ihrem Besuch 1965 geschenkt hat. Ria Schneider erinnert sich aber auch noch an das, was sie als kleines Mädchen 1938 beobachtet hat: dass damals außer den Angehörigen der Toten nur zwei nichtjüdische Oberbrechener Rosa Stern das letzte Geleit gaben.

Am Abend jedoch versammeln sich neben ihr mehr als hundert Bürger zur Buchvorstellung, der Pfarrsaal platzt aus allen Nähten, und der Bürgermeister von Brechen begrüßt und bedankt sich bei den beiden Historikerinnen für ihre „offene Auseinandersetzung mit unserer Geschichte“. Atemlos folgt das Publikum der fast anderthalbstündigen Buchvorstellung, in der Fischer und Wünschmann ihre Methode erläutern, viele Sequenzen aus dem Comic zeigen und auf diese Weise referieren, was sich in Oberbrechen abgespielt hat. Der Abend selbst ist auch schon historisiert – in die Arbeitskreis-Ausstellung im Vorraum ist er als wichtiges Datum zum jüdischen Leben in Oberbrechen bereits eingegangen. Und es ist ja auch historisch gewesen, was da geleistet wurde in einem Dorf, dass sich darum bemühte, wieder in Kontakt mit den Davongejagten zu treten. Wobei Wünschmann aus den Zeitzeugengespräche mit ihnen weiß, dass sie sich gewünscht hätten, ihre Besuche wären erwidert worden wären. Aber niemand fand aus Oberbrechen den Weg nach Amerika.

Ganz am Ende steht ein früheres Mitglied des Ortsbeirats auf und berichtet, dass im Dorf kaum jemand etwas von den damaligen Besuchen der jüdischen Mitbürger gewusst habe. Die Initiativen dazu und auch die resultierenden Besuche hätten sich in rein privatem Rahmen abgespielt. Das wirft ein Licht darauf, als wie öffentlich kontrovers auch solche Menschen diese Form der „Wiedergutmachung“ ansahen, die sich ihr verschrieben hatten. Aber was damals in Oberbrechen geschah, ging dem in den Achtzigerjahren erwachenden lokalgeschichtlichen Interesse in Deutschland an der jüdischen Vergangenheit um ein Jahrzehnt voraus. Und nun bilden wiederum Stefanie Fischer und Kim Wünschmann mit ihrer Studie eine Avantgarde. Man darf gespannt sein, ob das Buch ins Deutsche übersetzt wird.
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