„BA-Chef Scheele: Langzeitarbeitslosigkeit steigt stark“
Herr Scheele, der Lockdown wird ein ums andere Mal verlängert. Wie lange verkraftet der Arbeitsmarkt das noch?


Der Arbeitsmarkt als solcher hält das bisher recht gut aus. Verstärkte Entlassungen gab es vor allem in den ersten Monaten der Pandemie. Zeitweilig hatten wir als Corona-Effekt eine um mehr als 600.000 Personen erhöhte Arbeitslosigkeit. Aktuell haben wir im Vergleich zum Vorjahresmonat rund 480.000 Arbeitslose mehr. Die Lage hat sich also seit Pandemiebeginn nicht weiter verschlechtert, sondern eher etwas gebessert. Und auch wenn die Kurzarbeit in dieser Phase jetzt wieder etwas zunimmt, ist das nicht annähernd mit der Lage im April 2020 vergleichbar.
Aber die Langzeitarbeitslosigkeit steigt enorm. Die Zahl der Arbeitslosen, die mehr als ein Jahr lang vergeblich Arbeit suchen, ist seit Ende 2019 um ein Drittel gestiegen – viel stärker als die Arbeitslosigkeit insgesamt. Was läuft da schief?
Der Befund trifft in der Tat zu und verdient hohe Aufmerksamkeit: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen war vor der Pandemie auf unter 700.000 gesunken, inzwischen ist sie wieder auf über 900.000 gestiegen. Wer zuvor schon arbeitslos war oder eher wenig qualifiziert ist, trägt auf dem Arbeitsmarkt das höchste Risiko in dieser Pandemie. Und Strukturveränderungen – Stichworte: technologischer Wandel und Transformation – kommen nun hinzu. Ich befürchte, dass wir es erstmals seit den Arbeitsmarktreformen der 2000er Jahre wieder mit steigender Sockelarbeitslosigkeit zu tun bekommen.
Wie erklärt sich dieser Anstieg, wenn es doch offenbar keine massenhaften Entlassungen gegeben hat?
Menschen kommen vor allem schwerer in Beschäftigung hinein, wenn sie einmal draußen sind – umso mehr, wenn sie in Bereichen tätig waren, in denen ohnehin gerade die Nachfrage nach Arbeitskräften nachlässt. Das betrifft insbesondere Helfertätigkeiten, vor allem in der Industrie.
Wie kann Arbeitsmarktpolitik helfen, damit schnelle Besserung gelingt?
Das A und O ist Qualifizierung. Wir haben es diesmal nicht nur mit einem Konjunkturtief zu tun, das vorüberzieht – die Pandemie beschleunigt die Transformation. Davor hatte es einen gewissen Boom an Arbeitsplätzen für Un- und Angelernte gegeben. Das hat vielen Arbeitssuchenden den Einstieg erleichtert, auch etwa Geflüchteten. Diese Bedingungen werden aber wahrscheinlich nicht zurückkehren.
Es gibt aber doch Unterschiede zwischen den bisherigen Langzeitarbeitslosen und denen, die nun krisenbedingt neu in diesem Teil der Statistik auftauchen?
Tatsächlich bekommen wir es jetzt häufiger mit Menschen zu tun, die bisher ins Erwerbsleben integriert waren, deren Qualifikation aber entwertet ist. Nehmen Sie den Bäckergesellen oder die Floristin, die jahrelang als Helfer in der Industrie gearbeitet haben, weil sie dort mehr Geld verdienten als im erlernten Beruf. Ebenso gibt es Menschen ohne Berufsabschluss, die mit solchen Tätigkeiten bisher über die Runden kamen. Das ändert sich jetzt aber womöglich schnell und dauerhaft. Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt mit gezielter Weiterbildung schnell neue Perspektiven eröffnen können.
Reichen Ihre Instrumente dafür aus?
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.