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#Das Wagenknecht-Lager hat verloren

„Das Wagenknecht-Lager hat verloren“

Ein junger Berliner läuft aus der Halle, er will schnell eine rauchen. „In drei Jahren kann ich mir einen neuen Job suchen, dann sind wir nämlich nicht mehr im Bundestag“, sagt er noch. „Heidi war die letzte Chance.“ Aber Heidi Reichinnek hat es nicht geschafft. Die niedersächsische Landesvorsitzende, 34 Jahre alt, kam auf knapp 36 Prozent. Janine Wissler, die die Partei schon seit Februar 2021 führt, setzte sich im ersten Wahlgang mit gut 57 Prozent durch.

Reichinnek sollte das neue Gesicht der Partei sein, so wollten es ihre Unterstützer. Mit Neuanfang waren zwei Punkte gemeint. Erstens: Anders als Wissler hat sie mit dem Sexismus-Skandal im hessischen Landesverband nichts zu tun. Am Freitagabend hatten der Parteitag zwei Stunden über sexistische Übergriffe in der Linken debattiert. Vertreter der Jugendorganisation Solid hatten erschütternde Berichte Betroffener vorgetragen. Was auch Sicht ihrer Unterstützer zudem für Reichinnek spricht: Die Sozialarbeiterin gehört anders als Wissler nicht zu den Bewegungslinken, die von ihren Gegnern als „Lifestyle-Linke“ diffamiert werden.

Reichinneks Rhetorik ist klassenkämpferisch, doch ihre Bewerbungsrede wirkte formelhaft. „Wir sind eine sozialistische Partei, die an der Seite derer steht, die ausgebeutet werden“, sagte sie. Die Linke müsse die Partei sein, die sich um die Menschen im Land kümmere. Doch außer einer besseren Öffentlichkeitsarbeit war nicht zu erkennen, was sie inhaltlich anders machen will. Reichinnek steht der Fraktionsvorsitzenden Ali Mohamed Ali nah, die wiederum dem Lager von Sahra Wagenknecht zugerechnet wird.

Wissler sprach die sexuellen Übergriffe direkt an

Wissler hatte schon am Freitag Boden gut gemacht. Sie hielt eine 38 minütige Rede, die in der Messehalle ankam. Sie wollte alle mitnehmen: „Nein, wir müssen uns nicht entscheiden, die Interessen der Beschäftigen zu vertreten oder für die Rechte von Minderheiten zu kämpfen“, rief sie. „Der Kampf um soziale Rechte und um Menschenrechte gehört zusammen.“ Die sexistischen Übergriffe in Hessen sprach Wissler direkt an. „Bei allen Frauen, denen wir nichts angeboten haben, wenn ihnen das widerfahren ist, möchte ich mich aufrichtig entschuldigen.“

Der Applaus nach der Rede war frenetisch, die meisten Abgeordneten hatten sich von ihren Plätzen erhoben. Nur der engste Unterstützerkreis von Reichinnek war sauer: Das sei doch unfair, 38 Minuten Redezeit für die Konkurrentin, überall Bilder von Wissler. Reichinnek hatte am späten Freitagabend die Laudatio für die Gewinnerin des Frauenpreises gehalten, aber das, so beschwerte sich ihr Umfeld, sei dann nicht im Livestream übertragen worden.

Nach der Wahl geht der offene Streit weiter. Das Präsidium gratuliert Wissler und wünscht ihr ein glückliches Händchen für eine geeinte Linke, „damit wir nach vorne kommen, da wo wir hingehören“. Da melden sich zwei Frauen und wollen eine persönliche Erklärung abgeben. Es geht gegen Wissler. Das ist bei der Linken jederzeit möglich. „Ich bin sauer“, ruft die erste Frau, „wir setzen Personen an die Spitze unserer angeblich feministischen Partei, die Täterschutz betreiben.“ Die zweite Frau, die sich meldet, hat Tränen in den Augen. Sie sei Opfer sexueller Gewalt, sagt sie. „Die erste, die mir zugehört hat, wurde heute nicht gewählt.“ Gemeint ist Reichinnek.

Dann meldet sich eine dritte Frau, auch sie ist sauer: „Ich finde es unerträglich, dass dieser wunderbare Moment gerade so genutzt wurde.“ Es sei der „am falschesten verstandene Feminismus“, wenn man Frauen dafür beschuldige, was Männer getan hätten.

Ein Reformer an Wisslers Seite

Der Parteitag wählt Martin Schirdewan an Wisslers Seite. Der gebürtige Ost-Berliner und Europaabgeordnete ist ein Reformer, wenn er auch nicht dem engsten Lager um Fraktionschef Dietmar Bartsch angehört. Er möchte, dass die Linke künftig wieder die „Brot-und-Butter-Themen“ besetzt. In seiner Rede positioniert er sich vehementer als viele andere gegen Russland und den „fürchterlichen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“. „Dieser Krieg muss sofort beendet werden, wir brauchen einen humanitären Waffenstillstand, Russland muss seine Truppen aus der Ukraine abziehen.“ Es sei gut, dass die Linke „als Friedenspartei“ erkennbar sei und sich eindeutig von Putin und seiner imperialistischen Politik distanziere.




Schirdewan setzt sich gegen Sören Pellmann durch, der eigentlich eine gute Ausgangsposition hatte. Pellmann hat eins der drei Direktmandate geholt, der die Linke ihren Fraktionsstatus im Bundestag zu verdanken hat. Er wird dem Wagenknecht-Lager zugerechnet – auch wenn er sich selbst da nicht verorten möchte.

Mit Wissler und Schirdewan wird die Linke von zwei (für linke Verhältnisse) zentristischen Politikern geführt. Das Wagenknecht-Lager ist deutlich geschwächt. Von den einflussreichen Linken ist nur noch Mohamed Ali übrig geblieben, und auch die Fraktionsvorsitzende bekommt heftigen Gegenwind. Zu Beginn des Parteitags hatte eine Delegierte ihre Abwahl beantragt, obwohl der Parteitag dafür gar nicht zuständig ist.

Die Hoffnung vieler Bewegungslinker ist, dass das Wagenknecht-Lager, das in sozialen Themen linke, aber in der Flüchtlings- und Gesellschaftspolitik rechte Positionen vertritt, sich entweder auflöst oder abspaltet. Der Name der ehemaligen Fraktionschefin, die medial sehr präsent ist, wurde in den Reden in Erfurt gar nicht erwähnt. Nicht mal Genesungswünsche gab es. Wagenknecht war nicht nach Erfurt gekommen, auch ihre Vertraute Sevim Dagdalen nicht.

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