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In den USA haben Aktionäre eine Sammelklage gegen Microsoft eingereicht. Das Unternehmen soll durch die Verschleierung von Ausgaben für KI-Investitionen und falsche Angaben über das Wachstum von Azure den Aktienkurs manipuliert haben. An der Rechtmäßigkeit der Vorwürfe habe ich nicht den geringsten Zweifel. Statt zu klagen, sollten die Aktionäre allerdings dankbar sein. Denn mit genau dieser Taktik haben die Anleger in den vergangenen Jahren viel Geld verdient.
Über die Klage hat Reuters zuerst berichtet. Sie stützt sich auf die Bekanntgabe der Geschäftszahlen für das zweite Bilanzquartal 2026. Ende Januar hatte Microsoft gute Zahlen gemeldet, gleichzeitig aber vor einem schwächeren Ausblick beim Cloud-Wachstum gewarnt. Ebenso räumte man ein, dass die hohen Investitionen beim Thema KI den Gewinn schmälern. Insbesondere ging es hierbei um die Beteiligung an OpenAI. Hier versprach Microsoft für die Zukunft mehr Transparenz.
Als Reaktion auf diese Informationen sackte der Aktienkurs um fast zehn Prozent durch, das hatte es zuvor seit sechs Jahren nicht mehr gegeben. 357 Milliarden US-Dollar wurden dadurch „vernichtet“, was selbstverständlich eine rein virtuelle Zahl ist. Sie wäre nur zutreffend gewesen, wenn an diesem Tag alle Aktien verkauft worden wären.
Kursmanipulation ist das Tagesgeschäft – nicht nur bei Microsoft
Aktienkurse zu manipulieren, ist aus guten Gründen verboten und zieht empfindliche Strafen nach sich. Es gibt daher auch strenge Regeln, die bei der Bekanntgabe von Geschäftszahlen einzuhalten sind. Könnte man Microsoft hier einen Verstoß nachweisen, hätte das in der Tat ernste Konsequenzen. Aber ich glaube, darum geht es gar nicht.
Während man die nackten Dollarzahlen nicht falsch darstellen kann und darf, hat man bei der „Verpackung“ einen gewissen Spielraum. Diesen nutzt Microsoft seit Jahren maximal aus. Ich beobachte kein anderes Unternehmen so intensiv wie die Redmonder, gehe aber davon aus, dass sie damit in bester Gesellschaft sind.
Das Rezept ist simpel: Wachstum und Erfolg müssen bestmöglich hervorgehoben, Verluste dagegen so dargestellt werden, dass sie möglichst nicht auffallen. Microsofts Finanzchefin Amy Hood hat das zu ihrer Paradedisziplin gemacht. Die Geschäftsberichte wurden über die Jahre mehrfach optimiert, um dem zuvor erwähnten Rezept bestmöglich Rechnung zu tragen.
Vor Jahren, als Microsofts Cloud-Geschäft noch winzig war, hat man in jedem Quartal schwindelerregende Wachstumsraten genannt. Das war nicht gelogen. Hohes prozentuales Wachstum ist immer dann besonders einfach, wenn die Basis klein ist. Microsoft benutzte diesen Trick, um sein Cloud-Geschäft in der Öffentlichkeit als viel bedeutsamer zu verkaufen, als es seinerzeit war. Ich hatte das mal in einem Beitrag aufgegriffen: Wie groß – oder klein – ist Microsofts Cloud-Geschäft wirklich?
Heute wissen wir, dass diese Taktik richtig war. Hätte Microsoft schonungslos die Wahrheit gesagt, dann hätten die Anleger Druck gemacht, die Cloud-Investitionen zu reduzieren. Als Folge davon hätte dies möglicherweise dem später folgenden Wachstum die Grundlage entzogen.
Kurzfristige Gier versus langfristiger Erfolg
Man kann Amy Hood dafür kritisieren, dass sie es geschafft hat, die Wahrheit in Microsofts Geschäftsberichten zu verbiegen, ohne gegen Gesetze zu verstoßen. Man kann auch die Analysten dafür kritisieren, dass sie in den Calls, die nach jedem Quartalsbericht stattfinden, niemals kritische Fragen gestellt haben. Im Gegenteil, diese Calls arteten regelmäßig in eine schon fast peinlich anmutende Huldigung für Microsofts Meisterin der Zahlen aus.
Wenn man als börsennotiertes Unternehmen in der heutigen Zeit überleben möchte, hat man allerdings keine andere Wahl. Alles ist dem schnellen Profit unterworfen, an der Börse regieren die Zocker. Unternehmen, die heute auf Gewinn verzichten, um in die Zukunft zu investieren und damit auch in ein paar Jahren noch relevant zu sein, sind nicht gern gesehen. Die Spekulanten wollen kurzfristige Gewinne. Gehen die Unternehmen, mit denen sie diese realisieren, anschließend zugrunde, ziehen sie wie die Heuschrecken einfach zum nächsten weiter.
Microsoft hat es mit seiner Taktik geschafft, den Aktienkurs immer weiter anzuheizen. Bis vor einem Jahr kannte dieser über eine komplette Dekade nur eine einzige Richtung. Jetzt, wo sich immer mehr herauskristallisiert, dass man mit KI nicht das schnelle Geld verdient, werden die Anleger unruhig. Aktuell notiert die Microsoft-Aktie rund 17 Prozent niedriger als vor einem Jahr – aber immer noch 61 Prozent höher als vor fünf Jahren. Wer langfristig in Microsoft investiert hat, verfolgt das also recht gelassen – während die Jäger nach dem schnellen Geld momentan besser woanders wildern gehen.
Heult bitte leise!
Die Zahlen, mit denen man beim Thema KI jongliert, sind groß. Sie sind so gigantisch, dass der „Trick“, den Microsoft einst erfolgreich genutzt hat, um an seiner Cloud-Strategie keine Zweifel aufkommen zu lassen, nicht mehr funktioniert.
Es wirkt schon fast undankbar, dass die Aktionäre jetzt gegen eine Strategie klagen, die ihnen über viele Jahre satte Gewinne beschert hat. Aber ich bin einigermaßen sicher, das wissen die Kläger sogar selbst. Sie sehen hier einfach eine weitere Chance auf schnelles Geld, wenn Microsoft etwa diese Klage durch eine Vergleichszahlung abwürgt.
Grundsätzlich aber muss man sagen: Heult bitte leise!
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Über den Autor

Martin Geuß
Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 19 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant.
Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir – für Euch!
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