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In der Zeit vor rund 2800 Jahren waren im Mittelmeerraum kleine phönizische Keramikfläschchen weit verbreitet. Jetzt enthüllen Analysen von 51 solcher Fläschchen aus der phönizischen Siedlung Mozia in Sizilien, wo diese Gefäße hergestellt wurden und was man in ihnen aufbewahrte. Demnach stammten diese Gefäße aus der Levante – dem Kernland der Phönizier – und dienten der Aufbewahrung und dem Transport von speziellen Duftölen. Für die weitgereisten Phönizier könnten diese „Düfte der Heimat“ eine wichtige emotionale und kulturelle Verbindung dargestellt haben.
Düfte spielen eine wichtige Rolle in unserer Erfahrungswelt: Sie wecken Emotionen und Erinnerungen und auch vertraute Personen erkennen wir am Geruch. Es ist daher kein Zufall, dass Düfte und Duftessenzen schon in frühen Kulturen auch im Kontext von Ritualen, religiösen Zeremonien oder bei Bestattungen verwendet wurden. Oft galten bestimmte Düfte als „göttlich“, sie wurden als Opfergabe dargebracht oder bei der Vorbereitung von Toten auf das Jenseits eingesetzt. „Mit der Zeit haben menschliche Gruppen dadurch verschiedene olfaktorische Kulturen entwickelt, die zu einem wichtigen Teil ihrer Identität wurden“, erklären Adriano Orsingher von der Universität Complutense in Madrid und der Universität Tübingen und seine Kollegen.
Rätsel um phönizische Keramikfläschchen
Dies galt auch für die Phönizier, die während der Eisenzeit den Mittelmeerraum dominierten. Diese in der Levante beheimatete Kultur breitete sich dank ihrer erfahrenen Seefahrer und weitreichenden Handelsbeziehungen damals weit über das östliche Mittelmeer hinaus aus. Phönizische Siedlungen entstanden selbst auf der Iberischen Halbinsel. „Die Phönizier gelten daher als Schlüsselfaktor für die Westausbreitung von nahöstlichen Waren, Materialien und Praktiken“, schreiben Orsingher und seine Kollegen. Ein wesentlicher Bestandteil der phönizischen Kultur war auch die Herstellung und Verwendung von aromatischen Substanzen, sowohl für den lokalen Gebrauch als auch für den Export.
Schon länger vermuten Archäologen, dass die Phönizier ihre Duftöle in speziellen Gefäßen aufbewahrten und exportierten. Dabei handelt es sich um schlichte, kleine Keramikflaschen von rund 15 bis 18 Zentimeter Höhe mit schmalem Hals und breitem, nach außen gewölbtem Rand. Vor allem im 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. fanden sie sich in großer Zahl in Gräbern, Häusern und heiligen Stätten. „Ihre weite Verbreitung im Mittelmeerraum und darüber hinaus lässt vermuten, dass diese Gefäße vielfältige Funktionen erfüllten“, sagt Orsingher. Wegen der geringen Größe der Fläschchen und ihren Fundorten liegt nahe, dass diese Gefäße einst Duftessenzen enthielten. Bisher fehlten dafür aber eindeutige Belege, gleiches galt für die Frage, wo diese „phönizischen Ölflaschen“ in solchen Mengen produziert worden sind.
In der Levante für den Export hergestellt
Jetzt liefern umfassende Analysen von 51 keramischen Ölgefäßen aus der phönizischen Siedlung Mozia auf einer Insel vor der Küste Siziliens erstmals tiefere Einblicke. Orsingher und seine Kollegen haben dafür das Keramikmaterial der Gefäße mithilfe der Massenspektrometrie chemische analysiert, außerdem untersuchten sie die Struktur der Keramik mithilfe von Dünnschnitten. Zusätzlich suchten die Forschenden nach möglichen Rückständen im Inneren der Fläschchen und unterzogen auch diese einer chemischen Analyse. „Durch die Untersuchung des Inhalts dieser Gefäße und ihrer Verwendung gewinnen wir einzigartige Einblicke in die Art und Weise, wie Düfte Leben, Landschaften und Identitäten im antiken Mittelmeerraum miteinander verbanden“, sagt Orsingher.
Die Untersuchungen ergaben: Das Keramikmaterial der phönizischen Ölfläschchen lässt sich von seiner Struktur und Chemie her drei ähnlichen, aber leicht unterschiedlichen Rezepturen zuordnen. Zwei dieser Rezepturen, die den größten Teil der Fläschchen ausmachen, zeigen große Übereinstimmungen mit Keramik aus dem südlichen Phönizien. „Grob vergleichbare Keramiken wurden auch entlang der zentralen Küstenregionen der Levante, zwischen Beirut bis zur Bucht von Kamel, verwendet“, berichten Orsingher und seine Kollegen. Dies bestätigt, dass diese Ölgefäße in der Levante produziert und dann bis nach Sizilien und darüber hinaus exportiert wurden.
Duftendes Harz und Pflanzenöle
Bei der Suche nach organischen Rückständen wurde das Team in acht der 51 Fläschchen fündig. In diesen identifizierten sie Spuren von pflanzlichen Lipiden sowie Kiefernharz und Mastixharz – deutliche Hinweise auf Duftöle. „Unsere Forschung bestätigt, dass diese Keramikgefäße zum Transport von aromatischen Ölen verwendet wurden“, sagt Co-Autorin Silvia Amicone von der Universität Tübingen. Bei ihrer Ausbreitung über den Mittelmeerraum nahmen die Phönizier offenbar in solchen Gefäßen auch die Düfte ihrer Heimat mit – möglicherweise, weil sie diese Duftessenzen in ihren neuen Siedlungsgebieten nicht herstellen oder erhalten konnten.
„Diese Öle waren daher mehr als nur einfache Handelswaren. Sie fungierten als kulturelle Verbindungsglieder, als Ausdruck der Identität, die die phönizischen Migranten über das Mittelmeer hinweg begleitete“, erklärt Amicone. „Sie dienten als Instrumente der Erinnerung und stärkten gemeinsame Praktiken und Geruchserlebnisse unter den verstreuten Gemeinschaften.“
Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen; Fachartikel: Journal of Archaeological Method and Theory, doi: 10.1007/s10816-025-09719-3

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