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Ursberg kennen viele. Es handelt sich um eine Gemeinde im Landkreis Günzburg, in der viele Menschen mit Behinderung wohnen. Mit der Landesausstellung will man sich weiter öffnen. Denn das Dominikus-Ringeisen-Werk, das den Alltag prägt, ist gefragter denn je.
Der 58-Jährige lebte nie in einer eigenen Wohnung
58 Jahre ist Hans-Peter Rothe heute alt. Er ist ein großer, ausgesprochen freundlicher Mann. Einer, der beim Erzählen aus seinem Alltag, seiner Arbeit, immer wieder übers ganze Gesicht strahlt. Hans-Peter Rothe, gebürtig in Günzburg, lebte nie allein, nie in einer eigenen Wohnung, immer in Gemeinschaften, immer betreut. Sein ganzes Leben verbrachte er hier: in Ursberg. In einer Gemeinde im Landkreis Günzburg, die dafür bekannt ist, ein Ort zu sein für Menschen mit Behinderung. Gruppe Ulrich heißt die betreute Wohngemeinschaft, in der er zusammen mit elf anderen Menschen wohnt, die wie er eine leichte, manchmal auch eine mittlere geistige Beeinträchtigung haben. Stefanie Stegherr leitet die Wohngruppe.
Doch so historisch gewachsen die Wohnformen sind, ist das noch zeitgemäß, ein ganzer Ort, der sich der Förderung von Menschen mit Handicap widmet? Verstärkt das nicht eine Ausgrenzung? Und das in Zeiten von Inklusion und Teilhabe …
Wer gleich nach dem Ortsschild Ursberg seinen Spaziergang startet, spürt sofort, dass es ein ganz besonderer Ort ist. Dies bewirkt schon die Architektur. Diese vielen, teils mächtigen Gebäude, denen man ihre Geschichte ansieht. Dieser beeindruckende Klosterhof mit seiner schönen, alten Kirche, dem sich immer weitere große Bauten anschließen, die offensichtlich von Anfang an so konzipiert wurden, dass sie Platz für viele Menschen boten. Diese vielen Schilder, die immer zu weiteren pädagogischen und medizinischen Angeboten, zu immer weiteren Wohngruppen, zu immer weiteren Werkstätten weisen. Dieser Teil von Ursberg erscheint tatsächlich so, als wäre ein ganzer Ort ein großes Therapiezentrum. So überrascht es nicht mehr, dass die Landesausstellung 2027 neben Dillingen hier stattfinden soll. Steht sie doch unter dem Motto „Heilen und Helfen“ und soll das „Jahrhundertthema Gesundheit“ aufgreifen. Ursberg scheint dafür als Schauplatz prädestiniert zu sein.
Schon früh war der Ort auch ein wichtiger Schutzraum
Doch Ursberg will nicht nur Therapiezentrum sein, sondern auch ein geschützter Raum. Ein Ort, an dem selbst Menschen, die sichtlich gezeichnet von ihrer schweren Erkrankung sind, keine schiefen Blicke befürchten müssen. Gerade das wollte schon Dominikus Ringeisen, der Gründer des gleichnamigen karitativen Werks, das Ursberg bis heute prägt, erreichen. Denn der katholische Priester sah im ausgehenden 19. Jahrhundert die Not der Menschen mit Behinderung. Galt doch damals ein Handicap nicht selten als Strafe Gottes, dementsprechend geächtet waren Betroffene oft. Ringeisen kaufte daher 1884 die aufgelassene Prämonstratenser-Abtei Ursberg und baute dann zusammen mit der 1897 gegründeten Ordensgemeinschaft St. Josefskongregation einen Ort für Menschen mit Behinderung auf.
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Allerdings wohnen heute längst nicht mehr so viele Menschen mit Behinderung hier wie noch in den 1970er/1980er Jahren, sagt Wolfgang Tyrychter. Er ist im erweiterten Vorstand der Stiftung Dominikus-Ringeisen-Werk, kurz DRW, und dort für Teilhabe und Assistenz zuständig. Damals lebten bis zu 1400 Menschen mit Behinderung in Ursberg. Auch lebten und arbeiteten in Ursberg früher über 1000 Ordensschwestern – heute seien es nur noch knapp 60 Schwestern. Zurzeit leben etwa 900 Menschen mit einer körperlichen und/oder geistigen Behinderung im DRW in Ursberg. Davon rund 100 Kinder und Jugendliche. „Doch die Nachfragen auf einen Platz bei uns nehmen deutlich zu“, sagt Wolfgang Tyrychter. „Quer durch alle Altersgruppen.“ Das hat mehrere Gründe. So gebe es immer mehr Kinder und Jugendliche, die psychisch so beeinträchtigt sind, dass sie nicht mehr zu Hause versorgt werden könnten. Viele Kinder und Jugendliche, die von Geburt an mit Beeinträchtigungen kämpfen, werden wiederum zwar oft sehr lange zu Hause gepflegt. „Doch wenn die Eltern alt, selbst krank oder pflegebedürftig werden, muss ein Platz in einer Einrichtung wie der unsrigen gefunden werden.“ Nicht vergessen werden darf zudem, dass aufgrund des medizinischen Fortschritts heute viele zwar selbst schwere Unfälle oder einschneidende neurologische Erkrankungen überleben, im Anschluss aber auf eine komplexe Betreuung und Förderung angewiesen sind.

Foto: Drw
Darüber hinaus bekämen gerade auch Menschen mit Handicap die Folgen des knappen und teuren Wohnraums besonders hart zu spüren, weiß Wolfgang Tyrychter. „Menschen mit Beeinträchtigungen haben ja besondere Bedürfnisse und hier wird in Städten und Kommunen bei Weitem nicht so viel geeigneter Wohnraum geschaffen, wie es nötig wäre. Im Gegenteil, das nimmt leider sogar wieder ab. Auch deswegen bemühen sich immer mehr Menschen bei uns um einen Platz.“ Hinzu komme, dass Ursberg nicht nur in seiner großen Gärtnerei, sondern in verschiedenen Werkstätten Menschen mit Behinderung Arbeit bietet. „Auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt tun sich viele Menschen mit Beeinträchtigung nach wie vor leider sehr schwer.“
Über 900 Anträge allein in diesem Jahr – aber nur 120 Menschen konnten aufgenommen werden
Über 900 Anträge zählte man für Ursberg allein in diesem Jahr, sagt Wolfgang Tyrychter – nur etwa 120 Menschen habe man aufnehmen können. Denn abgesehen davon, dass der Raum begrenzt ist, spüre natürlich auch das DRW den Fachkräftemangel. Außerdem sei es längst nicht mehr üblich wie noch in den 1970er und 1980er Jahren, Menschen mit Beeinträchtigungen in großen Gemeinschaften und Mehrfachzimmern unterzubringen. „Der Trend geht ganz klar hin zu kleinen Gruppen und einer möglichst individuellen Wohnmöglichkeit, bei der jeder auch seine Tür hinter sich zumachen kann.“ Das bedeute auch, dass in Ursberg, wo es seit 2020 auch Tiny Houses gibt, Zug um Zug viel umgebaut werden muss.
Doch sieht Wolfgang Tyrychter nicht auch die Gefahr, dass mit der Ballung von Menschen mit Behinderung Ursberg dem Ziel der Inklusion zuwiderläuft? „Früher war Ursberg sicher ein Ort, der auch stigmatisiert hat“, sagt er. „Doch wir versuchen seit vielen Jahren Ursberg immer weiter zu öffnen. Daher freut es uns auch so sehr, dass wir die Landesausstellung ausrichten dürfen. Denn dadurch erhoffen wir uns natürlich, dass möglichst viele Menschen nach Ursberg kommen, die hier vielleicht noch nie waren und das damit vorhandene Barrieren weiter abgebaut werden.“ Ziel werde es sein, „nicht nur in die Geschichte der Behindertenhilfe zu blicken, sondern auch Gegenwart und Zukunft zu beleuchten“.

Foto: Marcus Merk
Gearbeitet wird an der Öffnung von Ursberg auch bereits im gemütlichen Café KostBar sowie im direkt anschließenden Ursberger Laden. Gerade im Laden ist jetzt in der Vorweihnachtszeit Hochsaison, erzählen Leiterin Birgit Langhans und ihre Kollegin Hilde Thoma. Birgit Langhans weiß, dass zwar sehr viele vor allem kommen, weil man hübsche, hochwertige Produkte aus den Werkstätten bekommt, „wir sind aber auch ein beliebter Treffpunkt“. So drehen nicht nur viele Bewohner im Laden regelmäßig ihre Runden und plaudern mit dem Team. Auch viele Angehörige kämen und schütteten ihr Herz aus. Krankengeschichten, Familiengeschichten, ganze Lebensgeschichten – „was wir hier zu hören bekommen, ist oft erschütternd“, sagt Birgit Langhans, bei der man spürt, dass sie dieses Vertrauen zu schätzen weiß. „Denn ich merke ja, wie gut es vielen tut, mal zu reden, die Sorgen, den Schmerz, die Trauer rauszulassen.“ Geht sie dann am Abend nach Hause zu ihrer Familie, sei sie einfach nur dankbar, denn die Begegnungen in Ursberg prägten einen, sie machten einem klar, was wirklich wichtig im Leben ist – und was nicht.
Von besonderen Begegnungen schwärmt auch Bürgermeister Peter Walburger. Verglichen mit dem historischen Gebäude, in dem der Ursberger Laden untergebracht ist, sitzt er in einem schlichten Büro im ersten Stock des Rathauses. Doch wie Birgit Langhans ist auch er immer wieder von Menschen tief beeindruckt, die trotz ihrer schweren Beeinträchtigungen engagiert ihr Leben meistern. Aber auch vor den vielen Menschen, die in der Pflege arbeiten – das DRW zählt rund 4800 Beschäftigte in Ursberg – verneige er sich innerlich oft, sagt er. Dass der Ort aufs Engste mit dem DRW verbunden ist, darin sieht er keinen Nachteil: „Ursberg kennt jeder und das ist ein großer Vorteil. Ich beobachte, dass das Dominikus-Ringeisen-Werk sehr positiv besetzt ist, weil jedem klar ist, dass hier Menschen, ob jung, ob alt, geholfen wird.“ Nicht vergessen werden dürfe, dass Ursberg nicht nur ein Ort für Menschen mit Beeinträchtigung sei. „Ursberg ist auch ein Bildungsort.“ So gebe es neben einer Grundschule und einem Gymnasium auch Förderzentren und Berufsschulen. Besonders stolz ist Walburger aber auch auf das ausgeprägte Vereinsleben, das viel zur Inklusion beitrage.
Theo Waigel ist der Zuschlag für die Landesausstellung zu verdanken
Die vorhandene Vielfalt will man natürlich in der Landesausstellung präsentieren, sagt Walburger und verweist auf einen der bekanntesten Bürger von Ursberg, genauer von Oberrohr, auf den früheren Bundesfinanzminister Theo Waigel. Der CSU-Politiker pflege bis heute ein sehr enges Verhältnis zu seiner Heimat, habe stets ein offenes Ohr für die Belange von Ursberg und ihm sei es auch zu verdanken, dass man den Zuschlag für die Landesausstellung bekommen hat.

Foto: Christian Pagel
Doch so sehr Walburger das Wirken des DRW schätzt, er will nun kontinuierlich noch ein zweites wirtschaftliches Standbein auf- und ausbauen. Gerade, um Arbeitsplätze aus anderen Branchen zu schaffen. So hat in Ursberg zwar beispielsweise auch Deutschlands älteste Eierfärberei, die Firma Beham, ihren Sitz, doch lange habe man gar kein Gewerbegebiet gehabt. Nun aber versuche er weitere Unternehmen anzusiedeln. Schließlich erfreue sich Ursberg, das aus fünf Gemeindeteilen, nämlich Bayersried, Mindelzell, Oberrohr, Premach und Ursberg besteht und rund 3600 Einwohner zählt, eines regen Zuzugs. Doch es können und wollen ja nicht alle im DRW arbeiten.
Stefanie Stegherr schon. Sie habe bereits als Kind gerne mitgeholfen, Menschen in Rollstühlen zu schieben, erzählt sie, arbeitete doch ihre Mutter auch im DRW. Heute ist sie 35 Jahre alt und mit Herz und Seele Heilerziehungspflegerin. Hans-Peter Rothe kennt sie seit Jahren. Menschen wie ihn, die ihr ganzes Leben in Ursberg verbringen, gebe es viele.
Hans-Peter Rothe ist begeistertes Mitglied im Fischereiverein
Als Hans-Peter Rothe durch das Haus führt, in dem er wohnt, und bei seinem Zimmer ankommt, wird klar, dass auch seine Schwester Lotte hier wohnt – sie hat ihr Zimmer gleich vis-à-vis von seinem. Die andere Schwester wohnt nicht mehr im DRW. Wer das geräumige, helle Zimmer von Hans-Peter Rothe betritt, dem fällt sofort eine große, grüne Liege auf. „Eine Fischerliege“, betont er und beginnt begeistert von seinen Ausflügen als Mitglied im Fischereiverein zu erzählen sowie auf die vielen Fotos an den Wänden zu zeigen, auf denen er jeweils seinen Fang präsentiert.

An seinem Arbeitsplatz in der Kreativwerkstatt in Ursberg fühlt sich Hans-Peter Rothe wohl. Dort entstehen immer neue hübsche Deko-Stücke für Haus und Hof.
Foto: Marcus Merk
Hans-Peter Rothe hat aber in Ursberg nicht nur viele Freunde gefunden. Seit der Begrüßung trägt er ein zusammengefaltetes T-Shirt bei sich. Jetzt ist die Gelegenheit. Jetzt faltet er es auf, zieht es über den Kopf und zeigt stolz auf den Schriftzug: Kreativwerkstatt. „Ich bin Töpfermeister“, erklärt er, beginnt wieder zu strahlen und kann es offensichtlich kaum erwarten, endlich auch seinen Arbeitsplatz zu zeigen. In der Kreativwerkstatt sorgt er unter anderem dafür, dass im Ursberger Laden stets neue Keramikunikate zum Dekorieren von Haus und Hof stehen. Gerade ist er wieder dabei, den sogenannten Schmunzelsteinchen rote Nasen zu verpassen. Wer ihn bei seiner Arbeit beobachtet, erkennt rasch, wie sehr sie ihn erfüllt. Wer ihn mit seinem E-Bike und den Angelutensilien im Anhänger beim Rundgang durch Ursberg begleitet, der glaubt ihm, wenn er sagt: „Ich will bis an mein Lebensende hierbleiben, Ursberg ist meine Heimat.“
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