#„Ich hab keine Probleme, weiterzumachen“

„Ich hab keine Probleme, weiterzumachen“

Herr Heitsch, 2021 ist ein Jahr der Abschiede: Joachim Löw hört nach 15 Jahren als Bundestrainer auf, Angela Merkel als Bundeskanzlerin nach 16 Jahren, Dieter Bohlen als Chefjuror von „DSDS“ nach 20 Jahren. Sie feiern am 16. März Ihr 45. Dienstjubiläum als Bürgermeister von Göllnitz in Thüringen. Wie hält man so lange durch?

Jörg Thomann

Jörg Thomann

Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Das schafft man, wenn einem die Arbeit Spaß macht, man sich gern fürs Allgemeinwohl einsetzt und sieht, dass sich die Leute wohl fühlen.

Haben Sie womöglich ein Problem damit, loszulassen?

Nein. Ich habe ein anderes Problem: Es will keiner die Verantwortung übernehmen. Wir arbeiten hier alle ehrenamtlich. Ich habe einen landwirtschaftlichen Betrieb, und wir müssen genug Steuern zahlen, damit die im öffentlichen Dienst Beschäftigten gute Gehälter haben. Es wird alles auf die Ehrenamtlichen abgedrückt, obwohl die öffentlichen Dienste eigentlich fürs Allgemeinwohl zuständig sind.

Sie finden also keinen Nachfolger?

Wir sind eine einzigartige Gemeinde. Wir haben ein eigenes Wasserwerk und ein eigenes Klärwerk im Trennsystem. Wir haben die Bürger zum Teil mit Nahwärme versorgt. Und man muss nicht bloß immer bauen und investieren, es kommen ständig Folgekosten dazu, Reparaturen, bürokratische Hürden, neue Festlegungen, um die Hygienestandards zu erhöhen. Das will sich ehrenamtlich keiner antun.

Hat es bei Ihnen nie Zeichen von Amtsmüdigkeit gegeben?

Bis jetzt eigentlich noch nicht. Wenn man Spaß an der Arbeit hat und zufrieden ist, gibt es ja nichts Schöneres. Überlegen Sie doch mal, wie lange wir tot sind! Wir leben doch alle nur einmal und haben nur begrenzt Zeit, etwas zu verändern und zu gestalten.

Wie viele Bürgermeisterwahlen haben Sie insgesamt gewonnen?

Ungefähr zehn werden es gewesen sein. Und ich hatte teilweise mehr Zustimmung als zu DDR-Zeiten – da hatte ich 97, 98 Prozent, jetzt habe ich 99, 100 Prozent.

Gewann nur vier Mal mit deutlich weniger Zustimmung: Angela Merkel


Gewann nur vier Mal mit deutlich weniger Zustimmung: Angela Merkel
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Bild: Reuters

Und wie viele Gegenkandidaten hat es über die Jahre gegeben?

Keinen Einzigen.

So zufrieden sind die Leute mit Ihnen?

Da geh’ ich von aus. Sonst hätten sie mich ja abgewählt.

Bei der Wahl 2016 haben Sie 100 Prozent der Stimmen bekommen. Von 287 Wahlberechtigten haben aber nur 163 gewählt. Sind manche Leute Ihrer Person doch allmählich überdrüssig?

Man könnte das andersherum sehen: Die sind zu bequem, zur Wahl zu gehen. Wenn sie mit dem Landrat und dem Bürgermeister zufrieden sind, dann brauchen sie ja nicht zu wählen, dann gehen sie lieber spazieren.

Göllnitz hat rund 330 Einwohner. Wie mächtig fühlt man sich da als Bürgermeister?

Ach, Macht braucht man doch nicht. Man muss arbeiten! Ein Geltungsbedürfnis ist mir fremd.

Im Gemeinderat sitzt neben der FDP und zwei parteilosen Unterstützern nur noch der Feuerwehrverein Göllnitz/Zschöpperitz mit zwei Sitzen. Hat dieser politische Konkurrent irgendwann mal den Aufstand geprobt?

Nee, das gibt’s in kleinen Gemeinden nicht. Da ziehen alle an einem Strang. Wenn man das als Bürgermeister nicht hinkriegt, dann ist man fehl am Platz.

Man sagt ja gerne, die Demokratie lebt vom Wandel. Haben Sie den mit Ihrer langen Amtszeit verhindert?

Nein, das glaube ich nicht. Ich versuche, mich an die Zeit anzupassen, aber auch Einfluss darauf zu nehmen, dass der ländliche Raum erhalten bleibt und dass die Eigenständigkeit und die Selbstverwaltung hochgehalten werden.

Ihre Amtszeit hat sogar die Wende überdauert. Hat Ihre Person den Leuten Sicherheit gegeben?

Das Gefühl hab ich schon: dass die Leute gucken, wie ich mich verhalte, und sich dann eine Meinung bilden. Ich habe viele Landräte und zu DDR-Zeiten Kreisvorsitzende überlebt, Ministerpräsidenten und Minister: Die kommen alle und wollen uns was erzählen. Dabei haben sie oft wenig praktische Erfahrung. Wir haben gestandene Strukturen geschaffen, wir wissen, wo der Weg hingeht. Wir wissen, dass dies unsere Heimat ist, und für die haben wir zu kämpfen.

2014 Weltmeister, 2020 eine 0:6 Niederlage gegen Spanien: Joachim Löw will in diesem Jahr aufhören.


2014 Weltmeister, 2020 eine 0:6 Niederlage gegen Spanien: Joachim Löw will in diesem Jahr aufhören.
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Bild: Picture-Alliance

Jogi Löws schwärzester Tag war im November das 0:6 gegen Spanien. Welche war Ihre größte Niederlage?

Da weiß ich gar keine.

Nicht viele Bürgermeister in Thüringen dürften der FDP angehören. Weiß die Partei von Ihrer Erfolgsgeschichte?

Naja, die Vorsitzenden kommen und gehen ja auch. Landesvorsitzende habe ich vielleicht auch acht bis zehn überlebt.

Ist kein FDP-Chef mal auf die Idee gekommen, dass so ein Mann wie Sie auch in Berlin weiterhelfen könnte?

Da will ich gar nicht hin. Von denen habe ich Dankesschreiben zu Bürgermeisterjubiläen bekommen. Es ist nicht so, dass ich nicht bekannt wäre in Erfurt oder in Berlin, aber bei älteren Parteifreunden.

Löw ist 61, Merkel 66. Sie sind jetzt 75 und nicht amtsmüde. Haben die beiden zu früh aufgegeben?

Das glaube ich nicht. Die haben mehr Druck, die stehen viel mehr in der Öffentlichkeit – und sie sind, sag ich jetzt einfach mal, verbrannt. Das bin ich noch nicht.

Wann stehen die nächsten Wahlen an?

Ich weiß das gar nicht genau. Ich glaube, im nächsten Jahr.

Treten Sie wieder an?

Solange der Geist noch da und der Körper noch fit ist, hab ich keine Probleme, weiterzumachen.

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