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Die Kultur auf der abgelegenen Osterinsel Rapa Nui hat sich nach ihrer ersten Besiedlung weitgehend isoliert entwickelt – so dachte man bislang. Doch das stimmt nicht ganz, wie neue Analysen belegen. Demnach waren die Menschen auf Rapa Nui weit länger und öfter mit den Inselbewohnern Zentralpolynesiens in Kontakt als angenommen. Sie bauten beispielsweise als erste rituelle Stätten, die daraufhin auf den westlicher gelegenen Inseln nachgeahmt wurden. Erst später ging der Austausch verloren, weswegen es die berühmten Moai-Skulpturen heute nur auf der Osterinsel gibt.
Die ersten Menschen in Polynesien breiteten sich schnell aus und besiedelten die zahlreichen Inseln im Südpazifik von West nach Ost – von Tonga und Samoa über Zentralpolynesien bis nach Hawaii im Norden, Neuseeland im Süden und Rapa Nui im Osten. Nach dieser ersten Kolonialisierung blieben die Inseln Ostpolynesiens jedoch von der weiteren Südsee-Welt isoliert, insbesondere die am weitesten abgelegene Osterinsel – von den Einheimischen Rapa Nui genannt. So die bisherige Annahme der Wissenschaft.

Dennoch wurden auf der Osterinsel ähnliche rituelle Praktiken und monumentale Strukturen wie auf den zentraleren polynesischen Inseln beobachtet. Zum Beispiel bauten die Menschen auf Rapa Nui ebenfalls die befestigten Freiluftzentren Marae/Ahu, die als gemeinschaftliche Ritualräume dienten und bis heute heilig sind. Die Versammlungsplätze veränderten sich jedoch mit der Zeit und entwickelten sich auf verschiedenen polynesischen Inseln unterschiedlich. Auf Rapa Nui wurden später zum Beispiel die berühmten Moai-Skulpturen geschaffen und auf den rituellen Plätzen aufgestellt. Diese überdimensionalen Steinköpfe gibt es nur dort.
Von West nach Ost – und umgekehrt
Aber wie kam es zu den restlichen Übereinstimmungen, trotz der Abgeschiedenheit der östlichen Inseln? In welcher Reihenfolge und Richtung breiteten sich die rituellen Ausdrucksformen damals aus? Um das herauszufinden, haben nun Paul Wallin und Helene Martinsson-Wallin von der Universität Uppsala archäologische und Radiokarbon-Daten von Orten in ganz Ostpolynesien verglichen. Darunter waren Siedlungen, rituelle Orte und Denkmäler. Die beiden Archäologen identifizierten so drei verschiedene Phasen der rituellen Aktivität in Ostpolynesien.
Die erste Phase dauerte von etwa 1000 bis 1300 nach Christus und spiegelt die bereits bekannte frühe West-Ost-Expansion wider. Damals waren die Bewohner der einzelnen Südsee-Inseln kontinuierlich in Kontakt und tauschten sich aus. Dabei verbreiteten sich rituelle Aktivitäten wie Bestattungen und Feste bis nach Ostpolynesien und Rapa Nui. Die Orte, an denen diese rituellen Handlungen durchgeführt wurden – zum Beispiel Hügel –, kennzeichneten die Bewohner in dieser Phase durch einfache steinerne Pfosten.

In der zweiten Entwicklungsphase, zwischen 1300 und 1600 nach Christus, bauten die Inselbewohner dann die ausgedehnten, mit Steinen befestigten Marae/Ahu als Versammlungsplatz für ihre Rituale. Diese Idee, rituelle Orte durch gepflasterten Boden sichtbarer zu machen, breitete sich aber offenbar nicht von West nach Ost aus, sondern hatte ihren Ursprung auf der Osterinsel, wie die Radiokarbondaten belegen. „Die als Marae bekannten komplexen, einheitlichen Ritualräume zeigen frühere C-14-Datierungen im Osten“, sagt Wallin. Sie wurden bereits vor 1400 errichtet. Erst danach entstanden Marae auch auf den weiter westlich gelegenen Inseln Zentralpolynesiens, darunter auf dem Tuamotu-Archipel, den Marschall-, Gesellschafts- und Cookinseln. Das legt nahe, dass die Menschen auf Rapa Nui damals noch in Kontakt mit ihren westlichen Nachbarn im Südpazifik standen.
Monumentale Bauten kamen erst spät hinzu
Die dritte Phase war hingegen von zunehmender Isolation aller Inseln geprägt, einschließlich der östlichen, wie das Team feststellte. Das führte zu lokalen Unterschieden zwischen den einzelnen Inseln Polynesiens: Auf Rapa Nui, Tahiti, Hawaii und Co entwickelten sich in dieser Zeit unabhängig voneinander jeweils andere hierarchische soziale Strukturen. Zugleich wurden verschiedene monumentale Anlagen oder Megalith-Strukturen gebaut, um die Macht der einzelnen Inselgruppen zu demonstrieren.

Erst in dieser Phase errichten die Menschen auf Rapa Nui die Moai-Skulpturen, den Daten zufolge zwischen 1350 und 1500 nach Christus. Auf anderen Inseln entstanden in den nachfolgenden Jahrhunderten beispielsweise die Heiau-Tempel auf Hawaii, die Pā-Festungen in Neuseeland, die Mahaiatea-Anlage auf Tahiti, die Tiki-Statuen auf den Marschallinseln und der Taputapuatea-Tempel auf der Insel Raiatea, die zu den Gesellschaftsinseln gehört.
Die Forschenden schließen daraus, dass die bisherige Vorstellung, Rapa Nui sei nur einmal besiedelt worden und habe sich dann isoliert entwickelt, so nicht stimmt. Zwar wurde Polynesien tatsächlich von West nach Ost kolonialisiert. Neue Ideen wie die aufwendigen Tempelbauten wurden bei den nachfolgenden rituellen Entwicklungen Polynesiens aber auch über Netzwerke in umgekehrter Richtung, von Ost nach West übertragen. „Die Ergebnisse deuten auf ein komplexeres Muster hin als bisher angenommen“, schließt Wallin.
Quelle: Paul Wallin und Helene Martinsson-Wallin (Universität Uppsala); Antiquity, doi: 10.15184/aqy.2025.10096

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