Schönheitsoperationen: Beauty-Docs und ihre tödlichen Versprechen

Schönheitsoperationen: Beauty-Docs und ihre tödlichen Versprechen

Für Menschen mit einem großen Geltungsdrang ist es vermutlich schwierig, den Verlockungen der medialen Inszenierung zu widerstehen, zumal wenn sie „Beauty-Docs“ sind und Körper optimieren. Der Düsseldorfer Influencer und plastische Chirurg Chris Koliussis gehört mit mehr als 30.000 Followern bei Instagram hierzulande zu den medial erfolgreichen Ärzten. Klickt man durch seine Galerie der Optimierten, fallen zuerst die vielen Frauen mit XXL-Brüsten auf, die natürlich Geschmacksache sind. Der Arzt postet zudem regelmäßig Videos aus dem Operationssaal, die ihn dabei zeigen, wie er Fett absaugt, Bauchdecken strafft, Schenkel formt und Brüste vergrößert.

Die Filmchen beginnen meistens im typisch anbiedernden Social-Media-Sound: „So ihr Lieben“, als ginge es in den nächsten Minuten um Schminktipps. Das Irritierende an diesen Videos ist, wie beherzt Koliussis zugreift, Busen drückt und auf Bäuche klopft. Unter seinen Händen wird der weibliche Körper zum Objekt. Das klingt zum Beispiel so: „Da ist kein Gramm Fett mehr drauf“, „Wir haben hier durch Absaugung eine Kurve gezaubert“, „An der Brust sieht man das biologische Alter der Patientin nicht mehr“. Es fällt kaum ein Satz, in dem sich Koliussis nicht für seine Leistung feiert. Potentiellen Patienten suggeriert er wie manch andere Kollegen auch, auf seinem Operationstisch sei so gut wie jeder Schönheitstraum erfüllbar. So wird die Vorstellung einer schier grenzenlosen ästhetischen Machbarkeit gefüttert.

Extreme Körperformungen

Die Gemeinschaftspraxis für plastische Chirurgie von Nuri Alamuti und Dietmar Scholz liegt in einem Wiesbadener Villenviertel. Alamuti ist seit dreißig Jahren im Geschäft und kennt die Videos oft jüngerer Kollegen, die in den sozialen Medien mit extremen Körperformungen prahlen und in einer einzigen Operation sowohl Fett absaugen als auch Brüste operieren. Alamuti operiert immer nur ein Körperteil, das sei anspruchsvoll genug. Er sagt: „Wir älteren Chirurgen haben ein gewisses Berufsethos und würden uns nicht im Netz so weltmeisterlich darstellen. Der jüngeren Generation fehlt oft die Demut.“ Alamuti kritisiert nicht gerne Kollegen, er möchte nur nicht, dass sein Fachgebiet in einer Schmuddelecke endet. Grund, neidisch auf den Social-Media-Erfolg oft jüngerer Chirurgen zu sein, hat er nicht, im Gegenteil. Patienten anderer Ärzte kämen häufig zu ihm, wenn sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden seien.

An diesem Tag sitzt Andrea S. in der Praxis von Nuri Alamuti, eine sichtlich aufgelöste Frau Anfang vierzig. Ihre Brüste wurden im Dezember 2024 in einer Düsseldorfer Praxisklinik operiert. An­drea S., deren richtiger Name anders lautet, wollte die zwanzig Jahre alten und 310 Milliliter großen Implantate, die verrutscht waren und aus denen Silikon auslief, entfernen und durch neue Implantate ersetzen lassen. Sie sagt: „Ich wollte keine größeren Brüste, ich wollte nur neue Implantate.“ Heute sind die Brüste von An­drea S., die ausgesprochen zierlich ist, geradezu grotesk groß. Der behandelnde Arzt hat ihr Implantate der Größe 510 Milliliter eingesetzt. Die Brüste sitzen zudem asymmetrisch, und selbst Monate nach der Operation sind die Narben noch rot und wulstig. Weil sie große Schmerzen hat, geht Andrea S. zweimal pro Woche zur Physiotherapie. Sie sagt: „Ich schäme mich für meine Brüste und bin todunglücklich.“

Grotesk große Brüste für den zierlichen Körper von Andrea S.
Grotesk große Brüste für den zierlichen Körper von Andrea S.Foto privat

Auch ihr Operateur hatte während der Operation ein kurzes Social-Media-Video gedreht, das inzwischen aus dem Netz verschwunden ist, aber dieser Zeitung vorliegt: „Da wackelt nichts mehr“, sagt der Chirurg, „wir haben ihr zauberhafte Rundungen und Formen gezaubert.“ Zum Schluss hat er noch eine Botschaft für seine Follower: „Tut mir einen Gefallen, sucht euch Leute aus, die operieren können.“

Viel zu große Implantate

In der Woche, in der Andrea S. wegen ihrer Brüste Nuri Alamuti um Hilfe bat, kamen noch drei weitere Frauen mit schlecht operierten Brüsten und misslungenen Fettabsaugungen in seine Praxis: Alle wurden in derselben Düsseldorfer Klinik operiert. Über den Fall Andrea S. sagt er: „Die Patientin hat eine sehr schmale Taille und schmale Hüften. Die Implantate sind viel zu groß, und die Position, in der sie liegen, ist äußerst ungünstig. Dadurch wird der Spalt zwischen den Brüsten gewissermaßen aufgehoben. Man muss während der Operation erkennen, dass die Spannung, unter die man die Haut mit derart großen Implantaten setzt, negative Auswirkungen auf den Körper hat. Wir sind als Ärzte verpflichtet, unseren Patienten keinen Schaden zuzufügen. In diesem Fall aber ist genau das geschehen.“

Andrea S. hat jeden Tag Schmerzen
Andrea S. hat jeden Tag SchmerzenFoto privat

Der damals operierende Arzt sagt, An­drea S. habe sich sogar noch größere Brüste gewünscht, was er aus medizinischen Gründen abgelehnt habe. Außerdem wirft er seiner Patientin vor, die Kompressionswäsche nach der Operation zu eng getragen zu haben, wodurch das zunächst gelungene Operationsergebnis beeinträchtigt worden sei. Andrea S. bestreitet das. Es sei, so Alamuti, äußerst unwahrscheinlich, dass durch „zu eng“ getragene Kompressionswäsche Implantate selbst verschuldet in eine falsche Lage geraten. In wenigen Wochen wird er Andrea S. operieren. Sie hofft, dass sie ihr altes Leben endlich zurückbekommt.

Nuri Alamuti erzählt, dass immer häufiger Patienten in seine Praxis kämen, die unrealistische Wünsche äußerten. Doch eine Fünfzigjährige kann, auch wenn es ihr bei Instagram vorgegaukelt wird und sie die mit Photoshop bearbeiteten Bilder für bare Münze nimmt, für kein Geld der Welt wieder aussehen wie mit 20. Und nicht jedes Gesicht eignet sich für ein Facelift. Alamuti sagt, wer von einem Arzt abgelehnt werde, finde garantiert einen anderen, der verspricht, die absurdesten Wünsche zu erfüllen. „Ein Auto kann man tunen, einen größeren Spoiler draufsetzen, aber Ästhetik hat nichts mit Extremen zu tun, sondern mit Balance.“

Vielleicht ist es nur ein Zufall, vielleicht ist Düsseldorf aber auch das ideale Pflaster für fragwürdige „Beauty-Docs“. Auch Deutschlands Könige der Selbstvermarktung, die versprechen, „Glamour und Qualität“ zu verbinden, haben dort ihr Hauptquartier: „Dr. Rick & Dr. Nick“ von „Aesthetify“. Henrik Heüveldop („Dr. Rick“) und Dominik Bettray („Dr. Nick“) wollen es mit ihrem Unternehmen, das deutschlandweit mehrere Standorte betreibt, in den Dax schaffen. Bei Pro-Sieben lief im Frühjahr oft direkt im Anschluss an „Germany’s Next Topmodel“ die Dokusoap „Dr. Rick & Dr. Nick – Die Schönheits-Docs“. Das junge, meist weibliche Fernsehpublikum bekam also nach Heidi Klums Optimierungsshow, die ohnehin kein Boost für das Selbstbewusstsein ist, sofort die Lösung für vermeintliche Makel präsentiert: ein bisschen Baby-Botox gegen Augenfältchen, ein bisschen Hya­luronsäure für vollere Lippen – und nach nicht einmal zwanzig Minuten im Behandlungsstuhl sieht man schöner aus.

„Spritz-Prinzen“: Henrik Heüveldop („Dr. Rick“, links) und Dominik Bettray („Dr. Nick“)
„Spritz-Prinzen“: Henrik Heüveldop („Dr. Rick“, links) und Dominik Bettray („Dr. Nick“)Picture Alliance

Weder Henrik Heüveldop noch Dominik Bettray haben eine jahrelange Facharztausbildung absolviert. Jan Böhmermann, der die Selbstinszenierung der „Spritz-Prinzen“ im März in seiner ZDF-Show „Magazin Royale“ auseinandergenommen hat, fand heraus, dass „Dr. Rick“ zwar Absolvent der Semmelweis-Universität in Budapest ist, aber keine Doktorarbeit geschrieben hat. Die beiden Influencer wirken jedenfalls derart unbedarft, als wären sie direkt aus dem Hörsaal in ihre Praxis gestolpert. Sie tragen für ihre muskulösen Oberkörper zu enge Hemden und schwarz glänzende Einweghandschuhe, wenn sie mit Botoxspritzen Falten glätten und mit Filler für mehr Volumen in den meist jungen Gesichtern sorgen („Das wird ultrageil“).

Die kurzen Videos, in denen viel gelacht und gescherzt wird, sind lehrbuchhafte Verführungsfilmchen, die den Eindruck vermitteln, dass minimalinvasive Eingriffe so harmlos seien wie ein Friseurbesuch. Man hofft, dass die Kunden, die Anbietern wie „Dr. Rick & Dr. Nick“ die Bude einrennen, als gingen sie rasch zur Maniküre, wissen, was sie tun. Wenn allerdings junge Frauen in die Kamera sagen, ihr Freund wünsche sich „schöne Blaselippen“, muss man das bezweifeln.

Die aktuelle Patientenbefragung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) läuft zwar noch, doch bereits jetzt zeigt sich, wie stark Social Media die Körperwahrnehmung und die Optimierungswünsche junger Menschen beeinflussen. Laut Biermann Medizin gaben 27,3 Prozent der unter Dreißigjährigen an, Social Media hätten ihren Wunsch nach einer optischen Veränderung verstärkt. Diese Zahl wird in den nächsten Jahren wohl weiter steigen. Nichts deutet darauf hin, dass die Body-Positivity-Bewegung der Verschönerungslust bald ernsthaft Konkurrenz machen wird.

Größenwahn am Werk: Szene aus dem Film „Die Haut, in der ich wohne“ von Pedro Almodóvar
Größenwahn am Werk: Szene aus dem Film „Die Haut, in der ich wohne“ von Pedro AlmodóvarA.P.L.

Der Bundesgerichtshof hat unlängst in einem Urteil entschieden, dass „Dr. Rick & Dr. Nick“ nicht mehr mit Vorher-nachher-Bildern sowie Videos werben dürfen, doch die „Beauty-Docs“ haben das Netz längst mit ihren „Russian Lips“ (mit Hyaluronsäure aufgespritzte Lippen in Herzform), unterspritzten Kinnpartien („Ich liebe Kinnunterspritzungen, das ist so satisfying“) und optimierten Nasen geflutet. Zu ihrem Team gehört auch Alexis Kauth, der die Chirurgie in Düsseldorf leitet. Der Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie sei auf Facelifting und Blepharoplastik (Augenlidkorrektur) spezialisiert, heißt es auf der Homepage von „Aesthetify“. Seine Facharztausbildung habe er „unter renommierten Chirurgen bei führenden Kliniken“ absolviert. Welche Kliniken das sind, steht dort nicht. Laut Lebenslauf, der dieser Zeitung vorliegt, war Kauth zuletzt Sektionsleiter im Helios Klinikum Duisburg (Ästhetische Chirurgie). Dieses Klinikum ist nicht gerade weltberühmt für seine plastischen Chirurgen oder aufsehenerregende Facelifts. Zudem soll Kauth „Mitglied mehrerer Fachgesellschaften“ sein. Deren Namen bleiben ebenfalls ein Geheimnis. Die DGÄPC hat den Aufnahmeantrag von Alexis Kauth abgelehnt. Nachfragen dieser Zeitung haben „Aesthetify“ und Alexis Kauth nicht beantwortet.

Das Institut Uniq von Dirk Richter und Maria Wiedner befindet sich im Grandhotel Schloss Bensberg im Bergischen Land. Die Praxis ist weitläufig und freundlich und in einem eigenen Gebäude untergebracht, um die Privatsphäre der Patienten zu gewährleisten. Als einer der renommiertesten Faceliftchirurgen des Landes, der seit mehr als zwanzig Jahren als Gutachter bei Gericht tätig ist, hat Richter immer wieder mit Fällen schiefgelaufener Schönheitsbehandlungen und -operationen zu tun. Man merkt ihm an, wie sehr ihn der Pfusch mancher Kollegen verärgert – und vor allem beunruhigt. Denn wie bei Nuri Alamuti sitzen auch in seiner Praxis oft unglückliche Patienten, deren teilweise entstellte Gesichter oder katastrophal abgesaugte und schlecht operierte Körper er entweder rekonstruieren oder begutachten soll. In den vergangenen zehn Jahren haben sich diese Fälle signifikant gehäuft.

Dirk Richter kennt natürlich „Dr. Rick & Dr. Nick“ und deren Vermarktungsstrategien im Internet. Er findet es unethisch, nach „GNTM“ einem jungen, körpersensiblen Publikum vermeintliche „Lösungen“ zu präsentieren. Er erzählt vom Fall einer jungen Studentin, die auf einem Auge erblindete, nachdem ihr eine Heilpraktikerin offenbar ohne präzises Anatomiewissen Filler gespritzt hatte. Die Hyaluronsäure verschloss ein Gefäß, die Frau kollabierte, der Notarzt kam, aber niemand spritzte ihr Hylase, ein Enzym, das Hyaluronsäure abbaut und mit dem das Auge hätte gerettet werden könne. Das Zeitfenster beträgt in einem solchen Fall nur wenige Stunden.

Nuri Alamuti ist Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie in Wiesbaden
Nuri Alamuti ist Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie in Wiesbadenprivat

Filler, wie sie „Dr. Rick & Dr. Nick“ scheinbar in Fließbandgeschwindigkeit spritzen, bauen sich zudem anders als lange angenommen nicht komplett ab. Noch Jahre später sind sie im Gewebe nachweisbar und können Entzündungen auslösen. Schlecht gespritzt droht sogar die Gefahr, dass beispielsweise ursprünglich in die Wange injizierte Filler wandern und mehrere Zentimeter abrutschen. Wie bei Nuri Alamuti sitzen allerdings auch bei Dirk Richter immer häufiger Patienten mit extrem unrealistischen Wünschen und Vorstellungen, wie sie aussehen möchten. Aber weder Alamuti noch Richter können zaubern.

Richter sagt, dass die Gesetzeslage anders als in Ländern wie etwa Spanien in Deutschland desaströs sei: „Es ist erschreckend, dass jeder Arzt, egal welcher Fachrichtung, prinzipiell operieren kann, was ihm gefällt und was möglicherweise finanziell lukrativ ist, unabhängig davon, ob er die nötige Ausbildung hat. Die strengsten Regulierungen hat Dänemark, dort dürfen nur noch Fachärzte für Plastische Chirurgie ästhetische Eingriffe durchführen. Abweichungen werden streng geahndet.“ Wie viele seiner Kollegen fordert Richter, dass im ansonsten überregulierten Deutschland endlich der emsigen Lobbyarbeit der Branche zum Trotz strengere Gesetze erlassen werden.

Tod nach Po-Vergrößerung

In Düsseldorf starben 2018 eine Zwanzigjährige und 2019 eine Zweiundvierzigjährige kurz nach einem „Brazilian Butt Lift“, bei dem Fett aus einer Körperregion abgesaugt und ins Gesäß gespritzt wird. Beide Operationen hatte ein Kardiologe durchgeführt, der sich Schönheitschirurg nannte. Richter stieß in den sozialen Netzwerken auf diesen Arzt: „Er brüstete sich in den Videos damit, besonders viel Fett abzusaugen und sehr große Hintern zu formen. Doch je größer das Volumen ist, dass man verschiebt, desto größer ist auch das Risiko für Komplikationen. Der Mann hatte nicht einmal einen richtigen Operationssaal, der für diese Art von Operationen zwingend notwendig ist.“

Dirk Richter war von 2018 bis 2020 Präsident der International Society of Aesthetic Plastic Surgery. In dieser Zeit starben in Miami auffallend viele Patienten infolge eines „Brazilian Butt Lifts“. Richter sagt: „Wir haben eine internationale Taskforce gebildet, um herauszufinden, warum so viele Patienten sterben. Die Todesrate lag damals bei 1:3000.“ Seltsamerweise stellten die Pathologen bei den Obduktionen keine großen Fettembolien in den Herzkammern fest. Ein Kollege aus Mexiko löste das Rätsel schließlich. Er fand heraus, dass durch einen massiv mit Fett aufgespritzten Po Blutgefäße einreißen. In diese Gefäße sickern dann kleine Mengen Fett, die in die Peripherie der Lunge gepumpt werden. Anders formuliert: Die Patienten sind an ihrem eigenen Fett erstickt.

Richter hatte den Verdacht, dass auch in den Düsseldorfer Fällen Mikroembolien für den Tod verantwortlich waren, und wendete sich an die Staatsanwaltschaft. Daraufhin wurde die zweiundvierzigjährige Patientin, die 2019 gestorben ist, von einem Gerichtsmediziner obduziert. Dirk Richter hatte Recht.

Das Düsseldorfer Landgericht verurteilte den Arzt zu drei Jahren und vier Monaten Haft sowie zu einem vierjährigen Berufsverbot. Theoretisch darf dieser Mann inzwischen wieder praktizieren und Videos seiner Operationen auf Social Media präsentieren.

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