„Schüsse und Panik im Vergnügungsviertel“
„Gehen Sie von der Straße“, lautet die sehr energische und laute Anweisung von Polizisten an Passanten, die sich nach neun Uhr am Montagabend dem Wiener Stephansdom nähern. Hinter Blumenkübeln kauern bewaffnete Uniformierte mit Schutzweste. Die Luft ist erfüllt von Signalhörnern und Blaulichtern von Polizeiautos. Über die Ringstraße, die den ersten Wiener Bezirk umgibt, wo einst die Stadtmauer war, fahren zivile Wagen mit Blaulicht im Höchsttempo, dazwischen aber auch noch die Fahrzeuge des normalen Verkehrs. Es habe offensichtlich einen Terroranschlag gegeben, bestätigt am späteren Abend Innenminister Karl Nehammer.

Offensichtlich haben mehrere Männer mit Gewehren um sich geschossen und damit mehrere Personen getötet und verletzt. Das bestätigten sowohl die Polizei, als auch die Wiener Berufsrettung. Während die Polizei noch die Innenstadt weiträumig abriegelte und nach weiteren möglichen Bewaffneten suchte, richteten die Rettungssanitäter einen Triage-Platz ein, um Verletzte nach Schwere ihrer Blessuren und nach der Dringlichkeit ihrer Behandlung einordnen zu können.
„Zahlenmäßig eingrenzen können wir das noch nicht, wir sind noch dabei, uns einen Überblick zu verschaffen“, sagte ein Sprecher. Mehrere Krankenhäuser wurden alarmiert. Die Sicherheitskräfte waren mit allen in der österreichischen Hauptstadt verfügbaren Spezialkräften im Einsatz. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) befanden sich am Abend im Innenministerium beim Einsatzstab.
Die Polizei bestätigte als zunächst gesicherte Tatsachen, dass es an mindestens sechs Schauplätzen in der näheren Umgebung des Schwedenplatzes Schüsse gegeben habe, ausgehend ab etwa acht Uhr von der Seitenstettengasse. Die Täter hätten „Langwaffen“ gehabt, also Gewehre. Es habe ein Todesopfer gegeben und mehrere schwer Verletzte, darunter ein Polizist. Einer der Täter sei ebenfalls getötet worden.

War die Synagoge das Ziel der Täter? Am späten Montagabend war das immer noch nicht klar.
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Bild: EPA
Zunächst war von einer „Schießerei“ die Rede, die ersten Meldungen kursierten um etwa halb neun Uhr Abends. Schauplatz waren die Gassen rund um den Schwedenplatz, ein weiträumiger Platz am Donaukanal, der den Wiener Stadtbezirk abschließt. In der Nähe, nämlich in besagter Seitenstettengasse, befindet sich der Stadttempel der Israelitischen Kultusgemeinde, aber auch ein Vergnügungsviertel mit vielen Geschäften, Bars, Restaurants, einem Kino und Veranstaltungsräumen.
Montagabend war der letzte Abend, an dem die Lokale noch offen halten dürfen: Von diesem Dienstag gilt die wegen der Corona-Pandemie für mindestens einen Monat vorgesehene Schließung der Gastronomie und eine weitgehende abendliche Ausgangssperre ab acht Uhr. Es war ein milder Abend, und die Straßen der Wiener Innenstadt bis zu der Schießerei sehr belebt.
Während zunächst Spekulationen kursierten, der Anschlag habe der Synagoge gegolten, weil in deren unmittelbarer Umgebung das Geschehen seinen Ausgang nahm, gab es dann auch Anzeichen dafür, dass gezielt in die Fenster von Gasthäusern geschossen wurde. Die Synagoge war nach Angaben der Gemeinde geschlossen, ebenso die Räume der Kultusgemeinde.

Die Satellitenaufnahme zeigt den 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt sowie die Lage des Stadttempels, der Hauptsynagoge von Wien.
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Bild: dpa
Wegen seiner vielen Lokale trägt das Viertel aber auch den Spitznamen „Bermudadreieck“ – weil es angeblich so leicht dort passieren könne, dass man „verschollen“ geht. Der Schwedenplatz wiederum ist auch ein Verkehrsknotenpunkt mit Straßen, die den Ring um die Innenstadt vervollständigen, Straßenbahnen und zwei sich kreuzenden U-Bahn-Linien. Bilder in sozialen Medien zeigen einen Mann, der in den Gassen dort um sich schießt – und anscheinend auch gezielt durch die Fenster von Lokalen.
Ein Zeuge wurde von der Zeitung „Die Presse“ mit der Schilderung zitiert: „Wir haben zum Fenster rausgeschaut, nachdem wir die Schüsse gehört haben. Mindestens ein Angreifer – das ist sehr schwer zu sagen – hat auf die Menschen geschossen, die vor den Bars und Pubs im Bermudadreieck gesessen sind. Die sind panisch in die Bars reingerannt, aber der Angreifer ist hinterher gelaufen und hat auch in den Bars geschossen. Es wurde alleine in unserer Gasse mindestens hundert Mal geschossen.“
Außerdem war im Laufe des Abends von einer Geiselnahme die Rede. Das wurde offiziell nicht bestätigt.
„Ausgangssperre, es ist Ausgangssperre,“ johlt ein offensichtlich Angetrunkener vor der Albertina, auf der entgegengesetzten Seite des ersten Wiener Bezirks, wo die Gefahr nicht so präsent zu sein scheint. „Alle müssen um Mitternacht nach Haus, auch die Kieberer.“ Danach sieht es freilich in dieser Nacht überhaupt nicht aus.
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