Inhaltsverzeichnis
Da ist die Zwanzigjährige, die gerade ihre Ausbildung beendet und trotzdem nicht voll arbeiten will, denn „ich bin jetzt jung“. Da ist der Handwerksbetrieb, der eine Viertagewoche einführt und dazu die Arbeitszeiten reduziert, aber im Gegenzug dieses Jahr die Löhne nicht erhöht, und die Mehrheit der Belegschaft ist damit zufrieden. Und da ist die Bahn, die ihren Mitarbeitern schon vor Jahren die Auswahl erlaubt hat, entweder mehr Urlaubstage zu nehmen oder ein höheres Gehalt zu bekommen – und die meisten Mitarbeiter haben sich für die Urlaubstage entschieden.
Der Arbeitswille der Deutschen geht immer weiter zurück – so weit ist das schon bekannt. Doch die Entscheidung wird vom Staat erleichtert. Denn er bezuschusst Teilzeitarbeit indirekt und unfreiwillig – und jetzt wird klar: Teilzeit kostet die Gemeinschaft nicht nur Kleckerbeträge, sondern viele Milliarden Euro.
Tatsächlich ist die Wunsch-Arbeitszeit der Deutschen so gering wie nie. 32,8 Stunden in der Woche sind im Optimum noch übrig. Das ist die kürzeste Wunscharbeitszeit seit Beginn der Erhebung im Jahr 1985. Mal geht es um Arbeitszeitreduktion, mal um Teilzeit, mal um die Einführung der Viertagewoche. Dahinter steht oft der gleiche Wunsch: Deutschland ist zwar schon Vizemeister der EU in Sachen Freizeit, doch die Deutschen wollen noch mehr davon. Inzwischen arbeitet jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland in Teilzeit, bei den Frauen sind es sogar mehr als die Hälfte.
Was kann man mit der Freizeit anfangen?
Liegt das daran, dass sich massenhaft in deutschen Familien Väter und Mütter entscheiden würden, beide Teilzeit zu arbeiten? Nein. Denn auch die Wunsch-Arbeitszeit von Frauen sinkt auf niedrigem Niveau noch weiter. Nicht mal die Hälfte der Teilzeit arbeitenden Frauen hat überhaupt Kinder unter 18 Jahren. Und als das Statistische Bundesamt in diesem Jahr fragte, warum die Deutschen Teilzeit arbeiten wollten, begründete nicht mal jeder Vierte das mit der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen. Ein paar wenige Deutsche konnten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten oder weil sie keine Vollzeit-Stelle fanden. Doch der beliebteste Grund von allen war schlicht, dass die Leute eben Teilzeit arbeiten wollten. Die Hälfte der Teilzeitarbeit sei „freiwillig im engeren Sinne“, resümiert das Amt.
Manche sagen, ihre Aufgabe sei zu stressig – andere formulieren es positiver: Sie genießen ihre freien Tage zu sehr, um mehr zu arbeiten. In Sonntagsreden wird dann oft davon erzählt, dass die Deutschen sich mit der gewonnenen Freizeit ehrenamtlich engagierten – doch von einem Boom des Ehrenamtes war bisher auch nichts zu hören.
Natürlich spielt für die Entscheidung zur Freizeit auch das Geld eine Rolle. Nur auf welche Weise, das ist noch nicht ganz klar. Sind die Gehälter zu niedrig, könnten die Betriebe ihre Mitarbeiter mit höheren Gehältern zu zusätzlichem Engagement bewegen? Oder passiert genau das Gegenteil: Sind Wohlstand und Gehälter in den vergangenen Jahrzehnten so gewachsen, dass man sich die Arbeitszeit-Reduktion jetzt leisten kann, so wie es einst John Maynard Keynes prognostizierte, als er meinte, 15 Stunden Arbeit in der Woche würden für ein auskömmliches Leben reichen? Seine Wohlstandsschätzung ist schon lange übertroffen, gegenüber seiner Arbeitszeiten-Schätzung aber ist die Welt noch geradezu gestresst unterwegs.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.
