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„Unorthodoxer geht es hier gar nicht“
Leichtgeschürzte Revuetänzerin und Adoptivmutter zahlreicher Kinder diverser Farben, bisexuell und buntgemischter Herkunft – Joséphine Baker (1906 bis 1975) weist auch auf den zweiten Blick nicht das Profil auf, um in den Panthéon aufgenommen zu werden, die letzte Ruhestätte der Französischen Republik für ihre „grands hommes“ („homme“ hier im Sinne von „Mensch“, nicht von „Mann“ – wobei letztere Bedeutung angesichts des kärglichen Kontingents „pantheonisierter“ Frauen unweigerlich mitschwingt). Dass der französische Präsident Emmanuel Macron die sterblichen Überreste der Sängerin eines Hits mit dem Refrain „J’ai deux amours, mon pays et Paris“ am 30. November in das laizistische Allerheiligste der Republik überführen will, wie am Montag nach einem Bericht der Tageszeitung Le Parisien bestätigt wurde, mag durchaus verwundern.
Freda Josephine McDonald wurde 1906 als US-Bürgerin in Saint-Louis geboren und nahm erst 1937 die französische Staatsbürgerschaft an. Da war sie in ihrer Wahlheimat längst ein Star, hatte doch schon ihr erster Auftritt in der „Revue nègre“ 1925 das Pariser Publikum bezirzt. Spanisch-indianisch-afroamerikanischer Abstammung, übertrieb Joséphine Baker – so ihr Künstlername – gern die Züge, die Schwarzen damals zugeschrieben wurden – und geißelte auf diese Weise wortlos die rassistischen Stereotypen ihrer Zeit. „Sie spielt das komische Dummchen, schielt, bläst die Backen auf: Sie macht sich über die Zuschauer lustig, geht auf Distanz zu den Figuren, die sie auf burleske Art und Weise verkörpert“, befand der Historiker Pap Ndiaye, der an einem Buch über Baker arbeitet. Bloß mit rosafarbenen Federn oder einem Bananenröckchen bekleidet, brachte die „wilde“ Charleston-Tänzerin nicht nur Voyeure zum Vibrieren, sondern auch Schriftsteller und bildende Künstler zum Jubilieren, namentlich solche aus dem Kreis der Surrealisten. Cocteau feierte den exotischen Revuestar als „Götzenbild aus Bronze, gebräuntem Stahl, Ironie und Gold“, Picasso gar als „Nofretete der Jetztzeit“.
Kein Lebenswandel fürs Panthéon
Bakers Lebenswandel war denkbar unorthodox. Neben fünf Ehemännern teilten zahlreiche Liebhaber und Liebhaberinnen zeitweise ihr Leben und/oder Nachtlager (unter letzteren die Schriftstellerin Colette und die Malerin Frida Kahlo). Nachdem ihr aus medizinischen Gründen die Gebärmutter entfernt worden war, beschloss Baker gemeinsam mit ihrem vierten Gatten, dem Orchesterleiter Jo Bouillon, Kinder aus aller Herren Ländern zu adoptieren – lange vor Angelina Jolie und Brad Pitt. Die von 1954 an periodisch erweiterte „Regenbogenfamilie“ zählte nach zehn Jahren zwölf Sprösslinge aus Japan, Finnland, Kolumbien, Frankreich, Algerien, Côte d’Ivoire, Venezuela und Marokko (aus manchen Ländern brachte die Künstlerin nach Tourneen gleich zwei Kinder mit).

Klischee as Klischee can: Das Titelbild eines Programmhefts aus dem Casino de Paris, veröffentlicht um das Jahr 1930.
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Bild: Archiv
Das alles liest sich mehr wie Stoff für Boulevardblätter als wie ein Argumentarium für Bakers Pantheonisierung. Doch die Vita der Dame aus Missouri hat noch andere Facetten. Das Aufziehen des Kinderdutzends in einem Feenschloss in der Dordogne mag aus heutiger Sicht ein fragwürdiges Sozialexperiment evozieren – beziehungsweise die Spielstunden eines fünfzigjährigen Mädchens mit lebenden Puppen. Aber im Kern entspringt die Gründung ihrer Regenbogenfamilie einem humanistischen Gedanken: der Utopie einer „universellen Bruderschaft“ (Baker), in der Menschen aller Phänotypen, Kulturen und Konfessionen friedlich koexistieren. Bakers lebenslanger Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Segregation in den USA und Apartheid in Südafrika zeugt seinerseits von einem politischen Engagement, das man bei einer Adeptin der leichten Musen nicht erwartet hätte. Endlich schlug sich die Sängertänzerin sogleich nach der deutschen Invasion als Résistance-Mitglied auf die Seite von Charles de Gaulles France libre – unter Frankreichs Revuestars auf weiter Flur allein.
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