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„Verstappen kontert weltmeisterlich“
Das kann kein Zufall sein: Ein Sieger, der den Zweiten sehr lobt, ein Zweiter, der dem Gewinner großen Respekt zollt. Und beide einig, dass sie ein packendes Formel-1-Rennen erlebt, vor allem geboten haben. Max Verstappen gewann am Sonntagabend hauchdünn den großen Preis von Saudi-Arabien in seinem Red Bull vor Charles Leclerc im Ferrari und dessen Teamkollegen Carlos Sainz jr. sowie Sergio Perez im zweiten Auto des Brauseverkäufers. Er rückte nach der Null-Runde wegen seines Ausfalls bei der Premiere in Bahrain nun auf Rang drei der Fahrerwertung vor, zwanzig Punkte hinter dem führenden Monegassen (45) liegend.
Die ersten beiden Grand-Prix verfestigen den Eindruck, der Formel 1 stehe ein spannender, neuer Zweikampf bevor: Red Bull und Ferrari auf Augenhöhe mit dem Weltmeister im Cockpit hier und dem Leclerc dort als eindeutigen Chefpiloten. Mercedes, George Russel wurde Fünfter mit 32 Sekunden Rückstand hinter der Spitze, ist nur noch die dritte Kraft, vorerst abgeschlagen.
Schon beim Saisonstart hatten Leclerc und Verstappen gezeigt, dass die Regelreform ihr großes Ziel erreicht zu haben scheint: erleichtertes Hinterherfahren, Attacken über mehrere Runden. Diesmal überbrückten rasante Manöver im Mittelfeld unter den Alpine Piloten die Zeit, bis sich die Führungsgruppe zum Boxenstopp anschickte. Zuerst Perez, der Führende, der Arme. Kaum rauschte er zurück auf die Piste, geschah, was auf dem engen, schnellen Kurs von Dschidda keine Prophezeihung braucht: ein Unfall von Nicholas Latifi im Williams. Kein Überraschung, weder der harmlose Crash, noch der Verursacher.
Die nötige Safety-Car-Phase nutzten einige Fahrer hinter Perez zum Reifenwechsel bei geringerem Zeitverlust, während das Feld um den Kurs zockelte, ehe es unter neuer Führung und in veränderte Rangfolge wieder in den Vollgasmodus schaltete: Leclerc ganz vorne vor Verstappen, der Zweite vor dem Vierten des Startplatzrennens. Profiteur schien Lewis Hamilton zu sein, der sich, nach seinem schwachen Qualifying (16.), auf Platz sieben wiederfand im verdichteten Feld, sowie Nico Hülkenberg, von 17 losgefahren, nun Rang neun einnahm, bevor er Zwölfter wurde mit seinem Aston Martin. Aber sie hatten auf einen Pneu-Tausch verzichtet.
Ein Risiko mit Unterhaltungskraft. Hätte jemand vor einem Jahr gedacht, dass ein Pilot im Haas (Kevin Magnussen/9.) ein Überholmanöver des Silberpfeils mit dem siebenmaligen Weltmeister am Steuer kontert? Deshalb schaute Mick Schumacher nach seinem heftigen Crash mit einer Einschlagsverzögerung von 33g am Samstag wehmütig zu. Da geht was mit dem langsamsten Auto des vergangenen Jahres. Aber sein Team hatte ihn abgemeldet für das Rennen. Dem 23-jährigen Deutschen wäre es wohl auch nicht gelungen, Hamilton hinter sich auf Platz sieben zu halten. Der nahm die neue Rolle gefasst an. Hinter Red Bull und Ferrari zwar im Auto des Serienweltmeisters unter den Konstrukteuren, aber mit gewaltigem Rückstand.
Bei näherem Hinsehen ließ sich eine zweite Gruppe innerhalb der besten zwei Teams erkennen: ein sich anbahnendes Dauer-Duell zwischen dem Premieren-Sieger Leclerc und dem Weltmeister. Fast das gesamte Rennen jagte der Niederländer in Schlagdistanz hinter dem Ferrari her, ließ sich nicht abschütteln, während die Teamkollegen Sainz und Perez kaum folgen konnten. Ist das schon der Vorgriff auf die Geschichte der Saison? Leclerc hat die Nase vorn. Der erste Sieg, die erste Pole-Position, am Samstag Rang zwei im Startplatzrennen, während Verstappen als Vierter den Red Bull nicht vollends so zu nutzten wusste wie Perez auf dem Weg zu dessen erster Pole-Position. Aber im Rennen gelang es ihm.
Runde um Runde schossen der Ferrari und der Red Bull auf die Entscheidung zu, mal der eine, mal der andere mit der Bestzeit bei der Stadtrundfahrt. Unterbrochen nur noch ein zweites Mal vom Ausfall des McLaren (Ricciardo) und eines Alpine (Alonso), die aus der Gefahrenzone geschoben werden mussten. Die vom Rennleiter ausgerufene, nötige Virtuelle Safety-Car (37. Runde), verdarb Hamilton die Chance auf einen zeitlich passenden Boxenstopp und warf ihn zurück auf Rang zehn. Immerhin ein Pünktchen.
Die Spannung entfachten seine Nachfolger. Weil Verstappen offenbar die Reifen geschont hatte, eröffnete er ein packendes Finale: Angriff in der 42. von 50 Runden. Er schiebt sich scheinbar mühelos vorbei. „Ja, das war Absicht“, erzählt Leclerc später schweißgebadet und lächelnd. Denn auf der Zielgeraden nutzt der Ferrari-Mann den Windschatten für einen erfolgreichen Konter.
Beim nächsten Versuch eine Runde später will Verstappen den Leclerc-Trick verhindern und seinerseits die DRS-Zone mit der Erlaubnis, den Heckflügel zur Beschleunigung herunter zu klappen, für einen schönen Speedüberschuss zu nutzen. Beide bremsen hart um diesen Vorteil zu gewinnen, Rauch steigt an den Vorderreifen des Red Bull auf. Die Pneus ruiniert? Nein. Verstappen bleibt dran. In der 46. hat er den Ferrari dort, wo er ihn haben will. Mit Tempo 320 rast er vorbei. Aber Leclerc bleibt ihm auf den Fersen, in der drittletzten, in der vorletzten, in der letzten Runde.
Dank des Top-Speeds auf den Geraden kommt Verstappen mit 0,5 Sekunden Vorsprung ins Ziel. „Was für ein Rennen, phantastisch“, sagt er. Der Zweite sieht sich nicht als erster Verlierer, wie das so oft in der Szene behauptet wird: „Das war ein hartes Rennen, aber fair“, sagt Leclerc, „wir fahren auf einem Stadtkurs, wir gehen große Risiken ein. Wir haben einen großen Respekt voreinander. Ich bin ein bisschen enttäuscht, was das Ergebnis betrifft, aber so sollten Rennen jedes Mal sein, ich liebe das.“ In zwei Wochen in Melbourne soll es die Fortsetzung geben.
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