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#Von ihm hätte Schlöndorff lernen können

„Von ihm hätte Schlöndorff lernen können“

Ralf Schenk war ein Mann von leiser Souveränität. Wichtigtun musste er sich nicht, weil wichtig war, was er wusste. Sein Gewicht als Filmhistoriker und Journalist erwuchs aus einer immensen Kenntnis nicht nur der Kinogeschichte, sondern ebenso der Zeitumstände, der Literaturtheorie, auch der Musik. Er konnte, in sympathisch thüringischer Färbung, über Anna Seghers’ Nähe zum Nouveau Roman in Frankreich genauso informiert reden wie über Ähnlichkeiten des Filmmusikeinsatzes bei Christian Petzold und Alfred Hitchcock. Schenk, am 27. März 1956 in Arnstadt geboren, kannte das Werk von Rainer Werner Fassbinder wie das von Egon Günther, das von Costa-Gavras wie das von Andrzej Wajda, das von Dennis Hopper wie das von Eldar Rjasan. Diese Kenntnis befähigte ihn auch zur Polemik.

Als Volker Schlöndorffs Film „Strajk“ über den Arbeiteraufstand in der Danziger „Lenin“-Werft 2007 in die Kinos kam, schrieb Schenk in der „Berliner Zeitung“: „,Strajk’ ist ein Film der groben Konturen, der sich nicht für die Bedingungen und Metamorphosen der realsozialistischen polnischen Gesellschaft interessiert, sondern sie nur vom Ende her, von ihrem Untergang aus betrachtet. Es ist ein undialektischer Film. Ein Propagandafilm“. Über Katharina Thalbach als „positive Heldin“ Agnieszka, die ihre Hoffnung auf Papst Johannes Paul II. setzt, witzelte Schenk: „In diesem Moment erinnert Katharina Thalbachs Agnieszka weniger an Mutter Courage als an eine Art Ernestine Thälmann, Führerin ihrer Klasse, die sich an der Sonne ihres ganz speziellen Lenins wärmt“.

Schenk kannte den Defa-Propagandafilm „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“ genau – im Gegensatz zu Schlöndorff, den Chefabwickler der Defa nach dem Ende der DDR, der sich 2008 zur Bemerkung herabließ: „Den Namen ,Defa‘ habe ich abgeschafft, die Defa-Filme waren furchtbar. Die liefen damals in Paris, wo ich studierte, nur im Kino der kommunistischen Partei. Wir sind da reingegangen und haben gelacht. Der Name musste weg. Bei der Defa hatte alles vor sich hingesuppt.“

Schenk hingegen nahm das Erbe der Defa ernst: die komplex-verschachtelten Erzählungen Günthers, die kühn-modernen Frauenfilme, das politisch subversive Kino für Kinder und Jugendliche. Nach 1990 publizierte er Standardwerke zu den Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilm-Produktionen der Filmgesellschaft der DDR, gab Bücher über Regisseurinnen und über verbotene Filme heraus. An der Rekonstruktion mehrerer von der SED-Parteiführung aus dem Verkehr gezogener Filme war Schenk beteiligt.

Von 2012 bis 2020 übernahm Schenk schließlich den Vorstand der Defa-Stiftung, führte Zeitzeugengespräche, trieb die Digitalisierung des Filmerbes voran und gab 2019 ein schön gestaltetes Buch zum 75. Geburtstag des Dokumentaristen Volker Koepp heraus. Doch Schenk interessierte mehr als die Defa. Er gehörte fünfzehn Jahre lang zur Spielfilm-Auswahlkommission für den Wettbewerb der Berlinale, kümmerte sich um die Sichtungen für das Dokumentarfilmfestival in Leipzig und arbeitete im Filmbeirat des Goethe-Instituts.

Neben dem Film gehörte seine große Liebe dem Musiktheater. Kaum eine der Berliner Premieren ließ er aus; mit seiner Frau ging er auch auf Auslandsreisen regelmäßig in die Oper und wusste in Berlin die delikate Küche des „Cochon bourgeois“ zu schätzen.

Wie die Defa-Stiftung jetzt mitteilt, ist Ralf Schenk am 17. August nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Er wurde 66 Jahre alt.

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