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#Welche Rolle bekäme wohl Olaf Scholz?

Welche Rolle bekäme wohl Olaf Scholz?

Wen würde er spielen? Wenn es nicht nur eine Parlamentspoetin, sondern auch ein Parlamentstheater gäbe – in welchem Molière-Stück würde Olaf Scholz auftreten? Im „Menschenfeind“? Eher nicht. Obwohl er oft so leise spricht, als würde er dem guten Willen der ihn umgebenden Gesellschaft misstrauen, kann man ihn sich als Alceste nicht vorstellen. Ein „verliebter Melancholiker“ ist unser neuer Bundeskanzler nicht. Und sicher auch kein „Don Juan“. Obwohl die Rolle von Sganarelle, dem treuen Kammerdiener in diesem Stück, und insbesondere dessen Klage „Mein Lohn, mein Lohn“ dem ehemaligen Finanzminister gut zu Gesicht stünden. Aber er ist ja jetzt nicht mehr nur für den Haushalt, sondern für die gesamten Geschicke des Landes zuständig und kann also keinen Kammerdiener spielen.

Und auch keinen „Geizigen“, für den die Dinge – unabhängig von ihrem Mittler Geld – all ihren Wert verloren haben. Obgleich es bei „Wirecard“ natürlich genau darum ging: die Hortung von Kapital, das dem öffentlichen Geldmarkt entzogen wurde. Tartuffe? Der fanatische Frömmler? Molières vielleicht dämonischste Figur, die durch ihre einschüchternde Ausstrahlung eine ganze Familie in den Ruin treibt und durch eine atemraubende Geschicklichkeit immer wieder neue Wege findet, um ihrer Überführung als Betrüger zu entgehen. Aber einem, der bei seiner Vereidigung nicht einmal so tat, als würde er auf Gottes Hilfe angewiesen sein, traut man eine solch scheingeistliche Joker-Figur einfach nicht zu.

Faustdick hinter den Ohren

Dem Idealbild des „honnête homme“ wiederum, der in nahezu allen vierunddreißig Theaterstücken des französischen Dramatikers und Theater-Entrepreneurs auftritt, entspricht Olaf Scholz auch nicht. Dafür schaut er zu oft verschmitzt, so, als müsste er mühsam ein Schmunzeln über die Gutgläubigkeit seiner Zuhörer unterdrücken. Dass der neue Bundeskanzler einer ist, der es faustdick hinter den Ohren hat, hört man ja nicht nur aus Hamburg. Am ehesten kann man sich Olaf Scholz in der Rolle eines der vielen Ärzte vorstellen, die bei Molière vorkommen. Vier seiner Stücke tragen die Mediziner schon im Titel, eines seiner bekanntesten überhaupt – „Der eingebildete Kranke“ – handelt von ihrer scheinheiligen Wirkungsweise. Ja, als Halbgott in Weiß würde Olaf Scholz im Parlamentstheater wahrscheinlich am meisten Beifall finden. Einer, der mit ruhiger Stimme diagnostiziert, dessen Behandlung man vertraut, der aber auch so von seinen Fähigkeiten überzeugt ist, dass er jede Rückfrage seines Patienten als Misstrauensantrag wertet. Als ein solcher tritt Monsieur Purgon gegenüber dem eingebildeten Kranken Argan auf. Schnell versteht er, dass sein Patient, statt geheilt zu werden, eher im eigenen Leiden bestätigt werden will, und verschreibt ihm viele wirkungslose Medikamente. Ohne das als Metapher auf ein sozialdemokratisches Wohlfahrtsstaatsdenken lesen zu wollen, passt doch der Gestus der keineswegs bösartigen, sondern einfach nur anpassungsfähigen Autorität ziemlich gut zum Scholz’schen Auftreten.

Ich nehme sie nicht und werde gesund

Im Grunde sind alle Ärzte, die bei Molière vorkommen, Galionsfiguren einer verunsicherten Gesellschaft, die sich in Medizingläubigkeit flüchtet. Heute, im Angesicht der Pandemie und der grassierenden Impfskepsis, liegt damit durchaus explosives Material in seinen Stücken verborgen. Wenn – etwa in „Die Liebe als Arzt“ oder auch „Don Juan“ – medizinische Experten vorgeführt werden, entsprach das der Skepsis des Autors gegenüber der Medizin seiner Zeit. Schon der von Molière bewunderte Montaigne verwies auf die Heilkräfte der Natur und versuchte, seine Nierensteine abseits der konventionellen Behandlungsmethoden in Heilbädern zu kurieren. Seinen eigenen Leibarzt wählte Molière mit Bedacht aus. Auf die Frage des Königs, wie der ihn denn behandele, soll der gefeierte Dramatiker geantwortet haben: „Majestät, wir plaudern zusammen, er verschreibt mir Arzneien, ich nehme sie nicht ein und werde gesund.“ Ähnliche Sätze liest man heute in den Foren der Impfgegner.

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