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„Wortspiel und Würde“

Er ist durch Schlimmes gegangen und hat daraus gefolgert, dass nur eine leichte, phantastisch-erfinderische Sprache Befreiung bietet: René de Obaldia, geboren am 22. Oktober 1918 in Hong Kong, hinterlässt eine Lektion, die sich die Betroffenheitsfreunde unter unseren Zeitgenossen zu Gemüte führen sollten. Nur: Lehren wollte er zum Glück nicht erteilen, die Haltung passte nicht zum Sohn eines Diplomaten aus altem baskisch-navarrischen Geschlecht, zu dessen Vorfahren der zweite Präsident der Republik Panama zählt.
Vier Jahre in Gefangenschaft
Obaldia, bei seiner Geburt ein „winziger, eitriger Vicomte“, wie es in den Erinnerungen heißt, überlebte wider Erwarten. Seine Mutter, die Französin Madeleine Peuvrel, verließ kurz darauf einen Gatten mit Hang zu Wein, Weib und Spiel; mit den drei Kindern kehrte sie nach Frankreich zurück. Obaldia wuchs in Amiens und Paris auf, besuchte das Lycée Condorcet. Mit siebzehn, achtzehn Jahren verfasste er Gedichte und Kurzprosa, bald ermutigt durch Clara Malraux, die erste Frau des Schriftstellers und späteren Kulturministers. Zunächst jedoch wurde Obaldia zum Wehrdienst eingezogen und landete 1940 als Kriegsgefangener in einem schlesischen Stalag. Vier Jahre Gefangenschaft zeigten ihm die Abgründe des Menschengeschlechts; andere hätten ein Romanwerk daraus gemacht, er hat lange geschwiegen, aus Schamgefühl.
In den Nachkriegsjahren schrieb Obaldia für Literaturzeitschriften und publizierte 1955 seinen Romanerstling, „Tamerlan der Herzen“ – er wurde 1963 von Eugen Helmlé ins Deutsche übertragen, wie die hiesige Obaldia-Rezeption allgemein sich weitgehend auf die sechziger und siebziger Jahre beschränkt. Weitere Romane folgten, vor allem aber Theaterstücke: Hier war die Begegnung mit Jean Vilar entscheidend, dem Begründer des Festivals von Avignon, der Obaldias Stücke in seinem Pariser Théâtre national populaire aufführte.
Dramen wie „Genusien“ (1960), „Monsieur Klebs und Rosalie“ (1975) oder „Les Bons Bourgeois“ („Die guten Bourgeois“, 1980) hatten Erfolg – den größten der Kammerwestern „Wind in den Zweigen des Sassafras“ (1965). Obaldia wurde einer der meistgespielten französischen Dramatiker, mit klarer Boulevard-Neigung; Kritiker warfen ihm schlichten Humor und exzessive Wortspiele vor.
Sein Tableau vervollständigte Obaldia mit dem Gedichtband „Papa, Mama und der Esel – Unschuldsgedichte für groß und klein“ (1969), der sich anhaltender Popularität erfreut – wer würde nicht schwach bei Titeln wie „Die Cromagnonne und der Kosmonaut“? Ähnlich sprudelnd originell sind die Memoiren „Exobiographie“, 1993 beim Hausverlag Grasset erschienen. 1999 wurde Obaldia als Nachfolger von Julien Green in die Académie française gewählt.Viele Nachrufe zitieren Obaldias Bonmot „Um hundertjährig zu werden, muss man jung anfangen“. Es passt einfach zu gut zum Académie-Ältesten, nach Claude Lévi-Strauss erst der zweite „Unsterbliche“, der die hundert Jahre erreicht hat. Am vergangenen Donnerstag ist René de Obaldia hundertdreijährig verstorben.
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