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#Deutschland sucht den Spielmacher

Deutschland sucht den Spielmacher

Viel haben die deutschen Handballspieler bisher noch nicht zeigen müssen bei der Weltmeisterschaft. Das Auftaktspiel gegen Uruguay hätten sie wohl auch gewonnen, wenn sie direkt aus dem Flugzeugsitz auf das Parkett gestiegen wären, die Partie gegen Kap Verde fiel aus, was Bundestrainer Alfred Gislason bei der Videokonferenz am Montag ausdrücklich bedauerte: „Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass wir das Spiel nicht bekommen haben“, sagte er; inzwischen zog sich Kap Verde nach etlichen Corona-Fällen sogar ganz aus dem Turnier zurück.

Christian Kamp

Was man beim lockeren 43:14 gegen Uruguay allerdings schon einmal zu sehen bekommen hatte, war ein Blick in die Zukunft des deutschen Handballs. Und die sah, auch wenn sie in diesem Moment etwas ungestüm daherkam, vielversprechend aus. Es waren Sekunden, in die Juri Knorr so ziemlich alles hineinpackte, als er endlich Spielzeit bekam. Einwechslung, explosive Entschlossenheit am Kreis – Tor.

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Rückzug, übermotiviertes Verteidigen – Siebenmeter, Zeitstrafe. Das war, komprimiert in der Wettkampfsituation, jener Juri Knorr, über den sein Teamkollege Paul Drux am Montag sagte, er bringe dem Team „die jugendliche Leichtigkeit“. Und auf Sicht womöglich noch viel mehr, wie Torhüter Andreas Wolff findet: „Er zeigt Ansätze, um vielleicht dieses Puzzleteil zu sein, das uns in den letzten Jahren teilweise gefehlt hat.“

Knorr, 20 Jahre alt und Sohn des früheren Nationalspielers Thomas Knorr, gilt als der kommende Mann für die Mittelposition – die Spielmacherrolle, auf der der deutsche Handball seit Jahren auf der Suche nach dem Schlüssel ist. Und auf der in den vergangenen Jahren niemandem das Glück so richtig an den Händen klebte. Darüber kann Philipp Weber einiges erzählen. In der Gegenwart ist Weber für Gislason „ganz klar der Mittelmann Nummer eins“, auf ihn wird es mehr und mehr ankommen in Ägypten.

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An diesem Dienstag ist Ungarn der Gegner in Gizeh (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und im ZDF), laut Papier ist es das letzte Vorrundenspiel, doch weil die Punkte mitgenommen werden, sehen die Deutschen es zugleich schon als erstes der Hauptrunde. Das Corona-Thema wollen sie endlich hinter sich lassen. „Ich glaube, dass das Team und ich da relativ entspannt rangehen“, sagte Drux. Wahrscheinlich muss man versuchen, es auszublenden. Dafür beginnt das Team offenbar schon sportlich ungeahnte Möglichkeiten zu wittern. Vielleicht sei es ein Turnier, bei dem „alles möglich ist“, sagte Gislason angesichts der Probleme der Favoriten Spanien (Unentschieden gegen Brasilien, hauchdünner Sieg gegen Polen) oder Kroatien (Unentschieden gegen Japan).

Die Gegenspieler aus Uruguay stemmen sich vergeblich gegen Philipp Webers Wurfversuch.


Die Gegenspieler aus Uruguay stemmen sich vergeblich gegen Philipp Webers Wurfversuch.
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Bild: Reuters

Dafür muss aber auch das eigene Team wachsen – die Ungarn sind der erste echte Gradmesser in Gislasons Amtszeit. Er ließ vor allem Abwehr trainieren, um gegen die wuchtigen Rückraumspieler die richtigen Abläufe und Abstände zu finden. Aber auch der Angriff werde neue Wege und Lücken finden müssen gegen den „deutlich größer gewachsenen Innenblock“ im Vergleich zu den beiden Österreich-Spielen in Januar. Bisher, sagt Gislason, habe Weber es als Lenker „sehr gut“ gemacht, wie er überhaupt mit der Spielsteuerung, die neben Weber und Knorr noch beim ebenfalls jungen Marian Michalczik (23) liegt, „sehr zufrieden“ sei.

Weber, für den es mit 28 Jahren die erste WM ist, sagt von sich, er sei „mehrere Schritte weiter“ als bei seinem ersten Turnier, jener missratenen EM 2018 unter Gislasons Vorgänger Christian Prokop. Die beiden kannten sich bestens aus dem Verein, dem SC DHfK Leipzig. Doch so wie die EM 2018 für den damals neuen Bundestrainer in die Hose ging, galt das auch für Weber. Es war eine einzige Enttäuschung, die ihn an sich zweifeln ließ, und es bedurfte eines längeren Umwegs samt psychologischer Aufbauarbeit, um das zu reparieren. Die Heim-WM 2019 ging Prokop mit Martin Strobel an.

Der hatte zwar 2016 den EM-Titel mit den Deutschen gewonnen, aber nun spielte er nur noch in der zweiten Liga. Das sagte etwas über die Nöte auf dieser Position im Handball-Land Deutschland, aber Prokops Improvisation schien zu gelingen – bis Strobel sich in der Hauptrunde schwer verletzte; infolgedessen verzichtete er sogar von sich aus auf die EM 2019. Als für dieses Turnier noch anderen Kandidaten ausfielen, allen voran der unberechenbare Fabian Wiede, versuchte Prokop es mit Drux, doch so richtig kamen die Deutschen mit ihm nicht ins Rollen. Besser wurde es erst, als Weber aus der Deckung kam.

Gislason nennt Weber einen „klassischen Mittelmann“, in Leipzig allerdings hat er diese Rolle erst in dieser Saison vollständig übernommen. Der Bundestrainer ist froh darüber, das macht es ihm leichter, eine ohnehin junge und unerfahrene Mannschaft auf Weber einzustellen. Ob es für höchste Ambitionen reicht? Die Frage, wie die Deutschen auf der Mittelposition im internationalen Vergleich aufgestellt sind, wollte Gislason am Montag nicht beantworten. Über Knorr, der anders als Weber auch in der Abwehr zum Zug kommt, hat er indes schon das eine oder andere gesagt. Dass er „für sein Alter schon sehr weit“ sei, zum Beispiel.

Tatsächlich hat der gebürtige Flensburger schon einiges erlebt: einen lehrreichen Umweg über den FC Barcelona etwa, bevor er bei GWD Minden in der Bundesliga ankam; zuletzt aber auch eine Corona-Infektion, die ihn vergleichsweise heftig erwischte. Das sei ein „schwieriges Thema“, sagte er, aber: „Jeder hat sich dazu entschlossen, dass er das Risiko in Kauf nimmt.“ Von der kommenden Spielzeit an wird Knorr bei einem Spitzenklub spielen, den Rhein-Neckar Löwen – und dann womöglich auch eine noch größere Rolle in der Nationalmannschaft. „Er wird uns sehr viel Spaß machen in der Zukunft“, sagt Gislason.

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