#Kamillentee

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Kamillentee

Kennen Sie den? Blickt ein Mann am Ostersonntag zu den Nachbarskindern und sagt dann über den Gartenzaun zu ihrem Vater: „Ihre Kinder suchen dieses Jahr aber lange.“ – „Tja“, antwortet der Nachbar. „Wir haben ja dieses Mal auch nichts versteckt.“ Was bisher nur ein Hammer-Gag auf Kosten Minderjähriger war, droht in diesem Jahr von der Realität überholt zu werden, hat doch die Inzidenz das vorösterliche Einkaufen fast überall in Deutschland zum Erliegen gebracht.

Stefan Locke

Stefan Locke

Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

Statt „Click & Collect“ heißt es nun wieder amtlich „Wir haben zu & Ihr bleibt weg“. Immerhin Klopapier ist in Supermärkten noch reichlich zu haben, auch wenn sich die Freude darüber beim Nachwuchs in mindestens so engen Grenzen halten dürfte wie bei Markus Söder. Angesichts der noch schneller als die Temperatur zum Osterfest fallenden Umfragewerte für die Union forderte der Franke, „jetzt vom Kamillentee- in den Red-Bull-Modus“ zu schalten.

Wie aber soll die Union angesichts geschlossener Läden an den Turbo-Stoff kommen? Selbst das gleichnamige Fußballstadion in Leipzig ist dicht, weshalb der dort beheimatete Club seine Partien jetzt immer wieder mal in Budapest austrägt. Doch zum Sport später mehr. Viele Ungarn, das nur nebenbei, fühlen sich zwar von Haus aus gegen jedwede Unbill des Universums immun, werden aber auch seit Jahren schon von Victor Orbán persönlich durchgeimpft.

In Deutschland dagegen ist Impfstoff noch knapper als einst in der DDR die Banane, was Impfwillige zu rabiaten Mitteln greifen lässt. Im südthüringischen Wasungen etwa fuhr vergangene Woche ein Rentner mit seinem Auto direkt in den Versandbereich einer Apotheke ein. Er wollte es wie einen Unfall aussehen lassen, doch am Ende war nicht nur das Auto – womöglich ein Astra? – Schrott, sondern auch am Haus ein immenser Schaden. Und der Impfstoff war auch schon aus.

Im Görlitzer Park in Berlin sollen Dealer bereits auf Vakzine umgestiegen sein. „Ist jetzt einfach Moderna“, klärte einer der Händler auf. Das freilich ist ein Gag weit unter dem Niveau dieser Kolumne, weshalb auch wir den Kamillentee jetzt mal beiseiteschieben. Rund um das Konrad-Adenauer-Haus wird nämlich bereits Red Bull zu Höchstpreisen vertickt, und auch die Kanzlerin schien am vergangenen Sonntag bereits einen kräftigen Zug riskiert zu haben.

Ramelow schwört auf TINA

Seitdem geht in der Union die Furcht um, die Regentin könnte demnächst eine ganze Dose auf ex trinken und so schluckgeimpft kurz darauf erklären, abermals zur Wahl anzutreten. Einige, sagen wir: Aserbaidschan-affine Unionsfraktionsmitglieder hatten sich ohnehin schon erkundigt, warum die Kanzlerin überhaupt ausgetauscht werden muss, sollen dann aber gegen ein mittleres Schweigegeld nicht noch mal ums Wort gebeten haben.

Apropos Gebet: Neben der Union muss jetzt auch die Nationalmannschaft dringend in selbiges genommen werden. 1:2 gegen Nordmazedonien! Ein Glück, dass nicht auch noch Ost-, West- und Südmazedonier in der Elf waren. Als solche hatten deren Vorfahren unter Alexander dem Großen einst ganz Persien im Sturm erobert, und bis heute rätseln Forscher, welchen Zaubertrank der Herrscher seinen Truppen damals in den Kamillentee getan hat.

Der Drang zu großen Taten immerhin ist auch hierzulande ungebrochen. „Zehn Millionen Impfungen pro Woche“ hatte Vizekanzler Olaf Scholz der Nation für Ende März angekündigt, während sich die Landesregierungen weiter von einem Behelfskonzept zum nächsten hangeln. In Thüringen etwa schwört Regierungschef Bodo Ramelow neuerdings auf TINA, was für Testen, Impfen, Nachverfolgen und AHA-Regeln stehen soll. Wobei wir zunehmend den Eindruck haben, dass immer mehr Ministerpräsidenten zum Modell ROSI (Rum, Obstler, Schnaps, Irish Whiskey) übergehen, um wenigstens noch ansatzweise klarzusehen.

Nur einer bleibt in all dem Tohuwabohu zumindest äußerlich mal wieder vollkommen gelassen. Wolfgang Schäuble, The Godfather of Bundestag, erklärte jetzt bei einer Tasse Kamillentee, dass ihn die Umfragewerte der Union nicht so sehr schreckten. „Wir waren auch schon totgesagt – 1969 meinten Analytiker, es gehe mit der CDU zu Ende.“ Das mag schon sein. Aber haben die Analytiker damals auch ein Datum genannt?

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