Inhaltsverzeichnis
In vergangenen Jahrhunderten hatten Frauen meist deutlich weniger Rechte als Männer und wurden in vielem benachteiligt. Dennoch waren sie selbst im Mittelalter nicht wehrlos gegenüber sexuellen Übergriffen und Missbrauch durch Männer, wie nun historische Aufzeichnungen aus einem spanischen Kloster aufdecken. Sie dokumentieren mehrere Fälle, in denen missbrauchte Frauen Anklage gegen die Täter erheben – und Recht bekommen.
Bis heute ist es für Frauen in vielen Ländern schwer, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren und Recht zu bekommen. In manchen Kulturen gilt ihr Wort per se als weniger glaubwürdig als das von Männern, in anderen fehlt es an Instanzen, an die sich die Betroffenen wenden können. Selbst in unseren westlichen, eigentlich gleichberechtigten Gesellschaften wird weiblichen Opfern von sexuellen Übergriffen häufig nicht geglaubt oder sie müssen Anfeindungen ertragen – insbesondere, wenn ihre Anklage sich gegen Personen mit Macht und Einfluss richtet.
Fallberichte aus frühmittelalterlichen Kloster-Aufzeichnungen
Doch wie war dies früher? Gängiger Annahme nach war die Situation für Frauen im Mittelalter noch schlimmer. Die Gesellschaft damals war männerdominiert, die Rolle der Frau auf den Haushalt und die Kinder beschränkt. Zudem fehlten damals forensische Methoden, um beispielsweise eine Vergewaltigung nachzuweisen. Dennoch hatten damals Frauen durchaus die Möglichkeit, sich gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr zu setzen und diese offiziell anzuzeigen, wie der Historiker Abel Lorenzo-Rodríguez von der Universität von Santiago de Compostela in Spanien herausgefunden hat.
Für seine Studie hatte er mittelalterliche Aufzeichnungen aus dem Kloster von Celanova in Galizien ausgewertet. „Diese Dokumente, als Cartularia bezeichnet, sind eine exzellente Informationsquelle über die frühmittelalterliche Gesellschaft im Nordwesten der iberischen Halbinsel“, berichtet Lorenzo-Rodríguez in „The Conversation“. In den Aufzeichnungen, die teilweise aus dem 10. und 11. Jahrhundert stammen, finden sich auch Schilderungen von Rechtsfällen, in denen Frauen sich an das Kloster oder andere Autoritäten wendeten, um sexuelle Übergriffe anzuzeigen. „Diese schriftliche Zeugnisse zeigen, dass dies trotz legaler, sozialer und selbst familiärer Hürden möglich war“, so er Historiker.
Missbrauch und versuchte Vergewaltigung
Als Beispiel berichtet Lorenzo-Rodríguez von einem Fall, der sich gegen Ende des 10. Jh. ereignete. Den Aufzeichnungen zufolge wendete sich eine junge Frau, wahrscheinlich noch eine Jugendliche, an das Kloster, um sexuellen Missbrauch durch ihren Großvater, Tusto, anzuzeigen. Den mittelalterlichen Berichten zufolge soll der angeklagte Großvater daraufhin vorgeladen worden sein und seine Schuld zugegeben haben. Als Strafe musste er einen Teil seiner Besitztümer dem Kloster übergeben. „Der Bericht ist überraschend explizit in der Benennung der familiären Beziehungen und der Schuldanerkennung“, so Lorenzo-Rodríguez. „Gleichzeitig demonstriert er, dass das Mädchen trotz dieser Beziehung die Chance hatte, den Täter anzuzeigen, und dass daraufhin gehandelt wurde.“
Einen zweiten Fall entdeckte der Historiker in einem Dokument aus dem 11. Jh. In diesem baten eine Frau und ihre Tochter Jimena einen lokalen Magnaten namens Alvitu Sandizi um Hilfe bei einem Fall von versuchter Vergewaltigung. Ein Mann namens Juan Arias haben versucht, der Tochter Gewalt anzutun und gegen ihren Willen mit ihr eine Beziehung einzugehen. Mutter und Tochter übergaben dem Magnaten Güter und baten ihn um Schutz gegen die Übergriffe. Auch hier fanden die Frauen Gehör.
Nach Ansicht von Lorenzo-Rodrígue demonstrieren diese Fälle, dass es selbst im Mittelalter einigen Frauen gelungen ist, sich gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr zusetzen – eine Art „MeToo“ des Mittelalters. „Die beiden hier aufgeführten Fälle sind die deutlichsten Beispiele dafür, aber keineswegs die einzigen“, schreibt der Historiker in „The Conversation“. Zwar sei es unmöglich zu ermitteln, wie viele Fälle sexueller Übergriffe es im Laufe der Jahrhunderte gab und in wie vielen oder wenigen Fällen diese erfolgreich zur Anzeige gebracht wurden. Dennoch können solche Beispiele seiner Meinung nach dabei helfen, die Wege und Mechanismen aufzuzeigen, durch sich Frauen selbst damals trotz der vielen Hürden zur Wehr setzen konnten.
Quelle: Abel Lorenzo-Rodríguez, The Conversation; Fachartikel: Studie Historica. Historica Medieval, doi: 10.14201/shhme392103130
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Wissenschaft kategorie besuchen.