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„Welchen Spielraum sollen Ärzte bei der Corona-Impfung bekommen?“
Vor der Telefonkonferenz der Gesundheitsminister von Bund und Ländern am Mittwochnachmittag zur Ausweitung der Impfstrategie auf niedergelassene Ärzte hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gemahnt, dass sich die Mediziner sich beim Impfen ihrer Patienten grundsätzlich an die beschlossene Reihenfolge halten. „Ich habe ein sehr hohes Vertrauen in die Ärztinnen und Ärzte, dass sie zuerst diejenigen Patienten impfen werden, die auch am meisten gefährdet sind“, sagte Spahn im ZDF. Eine Priorisierung bei der Impfstoffvergabe sei weiterhin notwendig. „Menschenleben retten ist keine Bürokratie.“

Die Minister wollen von 15 Uhr an unter anderem darüber beraten, wie genau und von welchem Zeitpunkt an die niedergelassenen Ärzte in die Impfstrategie eingebunden werden sollen. Es ist die Rede davon, dass diese bereits ab April die Patienten in ihren Praxen gegen das Coronavirus impfen könnten. Wie lange die Beratungen dauern sollen, ist offen.
Ärztevertreter forderten bereits mehr Freiheiten bei der Entscheidung, wer wann geimpft werden soll. „Sobald wir ausreichend Impfstoff für alle haben, sollten Haus- und Fachärzte auch selbst über die Impfreihenfolge entscheiden dürfen. Sie wissen am besten, welche ihrer Patienten besonders gefährdet sind“, sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt der Zeitung „Rheinische Post“.
Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, kritisierte die „deutsche Neigung, den Bürokratie-Oscar gewinnen zu wollen“. Dies bremse die Wirkung der Impfkampagne. „Wir sollten nicht alles bis ins Kleinste regeln wollen“, sagte Gassen. Um schnell so viele Bürger wie möglich zu impfen, müsse die strenge Priorisierung der Ständigen Impfkommission (Stiko) schrittweise zurückgezogen werden. Zuvor hatte der Spitzenverband der Kassenärzte die Position vertreten, dass eine Priorisierung „nicht in den Arztpraxen erfolgen“ dürfe, wie es Gassens Stellvertreter Stephan Hofmeister vor dem Beginn der Impfungen im Dezember ausdrückte.
Gassen sagte nun, er halte es für möglich, dass ab April pro Monat bis zu 20 Millionen Menschen in den deutschen Arztpraxen gegen Corona geimpft werden. Eine Erstimpfung könne schon in der ersten Junihälfte, die weitgehende Immunisierung der erwachsenen Bevölkerung dann Anfang August abgeschlossen sein, sagte Gassen der Zeitung „Die Welt“. Voraussetzung sei ein rascher Nachschub an Impfstoffdosen.
Gesundheitsminister Spahn dämpfte die Erwartungen am Mittwoch. „Die Impfmengen werden nicht gleich auf 20 Millionen im Monat oder gar auf zehn Millionen in der Woche wachsen“, sagt er. Die Zahl von zehn Millionen pro Woche hatte SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz am Wochenende ins Spiel gebracht. Im April werde es zwar deutlich mehr Impfungen geben, aber noch nicht in dieser Größenordnung. Die Impfungen könnten in den Praxen der Hausärzte dann flexibler erfolgen. „Die Ärztinnen und Ärzte kennen ja ihre Patienten und wissen ja, wer zuerst zu impfen ist.“ Nächster Schritt seien dann Impfungen in Betrieben durch Betriebsärzte.
Spahn reagiert auch auf die Entscheidung des Vogtlandkreises in Sachsen, wo angesichts hoher Infektionszahlen nach Plänen der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) ab Ende der Woche alle Einwohner, die 18 Jahre und älter sind, geimpft werden können.„Wir haben vereinbart, dass in der Grenzregion zu Tschechien, wo wir sehr hohe Infektionszahlen haben, eine sogenannte Schutzregel gemacht werden kann, damit sich das nicht weiter ins Land rein trägt“, sagte Spahn. Er verwies zugleich darauf, dass bei den über Achtzigjährigen nach den angelaufenen Impfungen bundesweit bereits erste Erfolge zu sehen seien. Die Todesfälle in dieser Altersgruppe gingen zurück.
Vier Millionen zusätzliche Dosen für Europa
Die Europäische Kommission hat sich bei den Partnern Biontech und Pfizer kurzfristig zusätzliche vier Millionen Impfstoffdosen gesichert. Diese sollen zur Bekämpfung von Corona-Hotspots eingesetzt werden, wie die Kommission am Mittwoch mitteilte. Zudem soll dadurch eine Erleichterung des freien Grenzverkehrs erreicht werden. Die Impfdosen sollen in den nächsten zwei Wochen, also noch vor Ende März, geliefert werden. „Das wird den Mitgliedstaaten bei ihren Bemühungen helfen, die Verbreitung neuer Varianten unter Kontrolle zu halten“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Deutschland könnte gemäß des internen Verteilungsschlüssels 18,6 Prozent bekommen, also rund 740.000 Impfdosen.
Zudem steht die Stiko dem russischen Sputnik-V-Impfstoff offen gegenüber. Das könnte sich mittelfristig in der Verfügbarkeit eines weiteren Corona-Impfstoffs und damit einer Beschleunigung der Impfkampagne niederschlagen. „Das ist ein guter Impfstoff, der vermutlich auch irgendwann in der EU zugelassen wird“, sagte Stiko-Chef Thomas Mertens der „Rheinischen Post“. „Die russischen Forscher sind sehr erfahren mit Impfungen. Sputnik V ist clever gebaut.“ Die europäische Arzneimittelagentur Ema hatte in der vergangenen Woche angekündigt, den Impfstoff prüfen zu wollen.
Ob und wann das Präparat in Europa zugelassen wird, ist derzeit offen. Drei Staaten – Ungarn, die Slowakei und die Tschechische Republik – haben bereits nationale Zulassungsverfahren begonnen oder setzen den Impfstoff bereits ein. Nach Angaben der Entwickler soll Sputnik in 46 Ländern zugelassen sein.
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