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#Das neue Ziel heißt Endemie

Das neue Ziel heißt Endemie

Nach fast zwei Jahren Pandemie und angesichts von Inzidenzen, die in den Himmel zu wachsen scheinen, stellen sich in diesem Herbst immer mehr Menschen die Fragen: Wohin soll das noch führen? Ist nach der Welle einfach nur vor der nächsten Welle?

Lucia Schmidt

Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Unumstritten ist mittlerweile, dass das Virus nicht mehr verschwinden wird. Das Ziel, das deshalb ausgerufen wurde, nennen Wissenschaftlicher und mittlerweile auch viele Politiker die endemische Phase. Raus aus der Epidemie, rein in die Endemie also. Doch was heißt das genau? Wird es der Zustand sein, den der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn(CDU) in dieser Woche mit den Worten beschrieben hat: „Wahrscheinlich wird am Ende dieses Winters jeder geimpft, genesen oder gestorben sein“?

„Wenn eine Infektion endemisch verläuft, heißt das, dass sie grundsätzlich in einer regionalen Bevölkerung verbreitet ist, ohne dass es größere Ausschläge in den Verbreitungsmustern gibt“ , sagt Professor Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Beobachte man, „dass Infektionszahlen sich auf einem mittleren oder niedrigen Niveau einpendeln, aber eben nie gänzlich auf null kommen, dann hat man eine endemische Situation“.

Noch herrscht eine pandemische Lage

Für das Coronavirus heißt das, es wird weiter in unserer Gesellschaft bleiben und regelmäßig saisonale kleinere Ausbrüche hervorrufen. Es wird immer wieder Menschen finden, die noch nicht oder nicht mehr immun sind, etwa Kinder oder Personen, bei denen die Immunität nachgelassen hat. Wichtig dabei ist aber, dass in einer Endemie die Bevölkerung, ob genesen oder geimpft, so ausreichend immunisiert ist, dass die Fallzahlen nicht mehr zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen. Noch ist Deutschland davon weit entfernt. Global gesehen herrscht ohnehin noch eine pandemische Lage, in der sich das Virus, anders als bei einer regional begrenzten Epidemie, über Länder und Kontinente ausbreitet.

Es gebe, so Zeeb, aber auch keine exakte Schwelle für Deutschland, ab der man sagen kann: „Epidemie ist vorbei, jetzt gilt Endemie.“ Er vermutet, vorausgesetzt es entstehen nicht weitere gefährliche Varianten des Virus, dass Deutschland im Laufe des Jahres 2022 in die Endemie kommen könnte. Dabei beruft er sich auf Modellrechnungen. Sie gehen bei der hochansteckenden Delta-Variante davon aus, dass rund 90 Prozent der Bevölkerung durch eine Impfung oder Infektion immun gegen das Coronavirus sein müssen, damit die endemische Phase erreicht ist.

„Sollten die Rahmenbedingungen in den nächsten Wochen so bleiben, wie sie im Moment in Deutschland sind, dann wird der R-Wert, also die Zahl, die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt, erst ab Mitte Januar 2022 wieder stetig unter eins fallen und damit die Ausbreitung abnehmen“, sagt Zeeb. Ob wir es dann aber wirklich schon geschafft haben, diese endemische Phase zu erreichen, darauf will Zeeb sich nicht festlegen. Zu viele ungewisse Parameter gehen in eine solche Modellrechnung ein, zu überraschend war der Verlauf der Pandemie an so mancher Stelle bisher.

Worin sich alle Wissenschaftler und Modellierer einig sind: Deutschland hat selbst in der Hand, wie es die Endemie letztlich erreicht, indem eben an Rahmenbedingungen geschraubt und ein politischer wie gesellschaftlicher Konsens gefunden wird. Setzt man auf Durchseuchung, wie es England seit Wochen vormacht, könnte man schneller am Ziel sein, muss aber auf dem Weg dorthin viel Leid und Sterben in Kauf nehmen. Geht man wieder in den Lockdown, bremst man die Todeszahlen, aber auch die Durchseuchung.

Ist eine Impfpflicht die Lösung?

Eine rasch beschlossene allgemeine Impfpflicht könnte mit weniger Leid recht schnell zur Endemie führen. Was durch die aktuellen Modellierungen aber auch klar wird: Selbst wenn es schnell ginge, eine allgemeine Impflicht könnte gegen die vierte Welle nicht mehr viel ausrichten. Sie werde uns aus dieser Situation nicht mehr helfen, „da brauchen wir andere Mittel wie 2 G und deutliche Kontaktreduzierung“, sagt Zeeb. Aber, so der Epidemiologe weiter, eine allgemeine Impfpflicht könne dazu führen, dass uns eine fünfte oder gar sechste Welle erspart bleibe. Allerdings müsse sich, Stand jetzt, eine solche Pflicht auch auf regelmäßige Auffrischungen beziehen. „Denn es sieht ganz danach aus, als sei bei Sars-CoV-2 ein dauerhafter Impfschutz nicht anders zu erreichen.“

Ob das Erreichen einer Endemie auch wirklich das Ende aller Diskussionen und Einschränkungen sein wird, wird sich erst noch zeigen müssen. Zu unklar ist noch immer, ob das Krankheitsbild Covid-19 tatsächlich irgendwann zu einer einfachen Erkältung wird, an der man in der Regel als Kind mild erkrankt und die einem im weiteren Leben keinen großen Schaden mehr zuführt. Oder wird Covid-19 doch eher ein „Typ Grippe“, eine Krankheit also, die gerade in Risikogruppen immer wieder zahlreiche Todesopfer fordert und vor der man sich eben durch Impfungen schützen sollte.

Und all diesen Unsicherheiten zum Trotz bleibt auch noch die Frage: Ist mit der Delta-Variante tatsächlich das Ende der Fahnenstange in Sachen Infektiosität erreicht? Sollten sich nämlich ansteckendere, gefährlichere Varianten entwickeln, die gar dem Impfschutz entkommen, „kann aus einer Endemie auch schnell wieder eine Epidemie oder gar Pandemie werden“, sagt Zeeb.

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