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Zwischen Ungarn und Polen hängt spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine der Haussegen schief. Dabei standen sich die konservativen Regierungen in Warschau und Budapest die längste Zeit sehr nah, nicht zuletzt hielten sie einander in Streitfragen mit den EU-Institutionen den Rücken frei. Aber dass Ungarn unter Ministerpräsident Viktor Orbán Russland nur halbherzig verurteilt und keine Rede auslässt, um die militärische Unterstützung der Ukraine durch den Westen als Kriegstreiberei zu verurteilen und ein Appeasement zu predigen, bringt in Polen nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition auf die Palme. Dieser Tage hat der neu ernannte ungarische Generalstabschef Gábor Böröndi mit einem missglückten Ausflug in die Geschichte noch eine Schippe draufgelegt.
Anlässlich des Jahrestags des Kriegsendes sprach Böröndi im staatlichen Fernsehsender M1 unter anderem über den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Er stellte ihn so dar, als habe es sich um einen zunächst regional begrenzten Konflikt zwischen Deutschland und Polen gehandelt, der dann mangels Friedensbemühungen aus dem Ruder gelaufen sei. Der General sagte: „1939 begann der deutsch-polnische Krieg als lokaler Krieg, und wie hat das geendet: Die Eskalation wurde nicht rechtzeitig mit einem Friedensprozess abgefangen und führte zum Zweiten Weltkrieg.“
Empörung über inakzeptable Geschichtsverdrehung
Es mögen zunächst kritische Berichte in oppositionellen Medien gewesen sein, die die polnische Botschaft in Budapest auf diese Aussage aufmerksam gemacht haben. Aber dann ließ die Erwiderung nicht auf sich warten. An den „sehr geehrten Herrn General“, schrieb Botschafter Sebastian Keciek in einem öffentlich bekannt gewordenen Brief, er sei über diese Geschichtsauffassung doch sehr überrascht. Sie könnte so verstanden werden, als werde Polen beschuldigt, einen globalen Konflikt durch Eskalation mit verschuldet zu haben. Das sei eine „inakzeptable Verdrehung der Geschichte“, die niemandem unterlaufen dürfte, schon gar nicht einem so engen Verbündeten.
Der Botschafter erinnerte an den Ribbentrop-Molotow-Pakt, mit dem die Diktatoren Hitler und Stalin Polen längst vor dem Kriegsaufbruch untereinander aufgeteilt hatten. Bekanntlich hat Deutschland Polen am 1. September 1939 unter Vorwänden überfallen, am 17. September fiel die sowjetische Rote Armee den polnischen Verteidigern in den Rücken. Der Krieg war unter den beiden Diktatoren längst ausgemacht. Zuvor hatten die West-Alliierten bereits hingenommen, dass Hitler das demilitarisierte Rheinland besetzte sowie Österreich besetzte und annektierte. Im Münchner Abkommen wurde 1938 sogar die Tschechoslowakei preisgegeben, daher stammt das englische Wort „Appeasement“ für Zugeständnisse um eines vermeintlichen Friedens willen.
Man dürfe Opfer und Täter nicht verwechseln, schrieb nun Keciek an den ungarischen Spitzenmilitär, der immerhin Generalstabslehrgänge der NATO und der Vereinigten Staaten absolviert hat. „Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde nicht durch einen Mangel an Friedensgesprächen mit dem Aggressor verursacht, sondern durch eine Politik des Appeasement und der Zugeständnisse an die nach und nach erhobenen Forderungen des Dritten Reichs.“
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