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„Die Angst des Südens vor dem Wasserstoffmangel“
Das bislang letzte Treffen von Markus Söder und Winfried Kretschmann zur sogenannten Südschiene liegt drei Jahre zurück. Jetzt stehen der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Markus Söder von der CSU in der „HyFab“ in Ulm. Das ist eine Industriehalle des „Zentrums für Wasserstoffforschung“. Sie wollen an die Kooperationsbereitschaft beider Bundesländer erinnern und etwas für die Energiesicherheit des wirtschaftsstarken Südens tun. Wenn Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nach Kanada fliegen, um ein Abkommen zur Wasserstoffversorgung zu unterzeichnen, dann ist es das Mindeste, dass sich Söder und Kretschmann im baden-württembergischen Ulm und im bayerischen Neu-Ulm treffen. Beide Regierungschefs wollen sich später nicht vorwerfen lassen, bei der Versorgung ihrer Industrieländer mit grünem Wasserstoff – selbst in Saudi-Arabien soll die Produktion angekurbelt werden – etwas versäumt zu haben.
Der Grüne und der Unionspolitiker lassen sich in der Halle Maschinen zur Produktion von „Stacks“, den Stromerzeugern in den Brennstoffzellen, vorführen und besichtigen eine mobile Wasserstofftankstelle. Der Bedarf an Wasserstoff könnte sich bis zum Jahr 2040 verfünfzehnfachen. Markus Hölzle, Vorstandsmitglied des baden-württembergischen Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW), analysiert für die Delegation aus Stuttgart und München den Stand der Forschung: „ Wir beherrschen diese Technik. Es geht jetzt um die Großserienproduktion. Die Produktion muss schneller, automatisierter und die Mengen größer werden. Dann sinken die Kosten.“ Das größte Problem ist die ausreichende und rechtzeitige Verfügbarkeit des grünen Wasserstoffs: Kretschmann, Söder und Hölzle sind überzeugt, dass jetzt die richtigen Weichen gestellt werden müssen, damit Deutschland nicht vom Gasmangel- in wenigen Jahren zu einem Wasserstoffmangelland wird.
Beide Länder wollen ihre Wasserstoffstrategien künftig noch besser aufeinander abstimmen. Die Regierungschefs fürchten aber, dass in zehn Jahren vom grünen Wasserstoff im Süden zu wenig ankommen könnte, weil die wichtigsten Pipelines vom Norden in den Süden führen – und so die Industrie in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen besser versorgt werden könnte als Chemiewerke in München, Grenzach-Wyhlen und Mannheim oder Raffinerien in Karlsruhe und Oberbayern. „Unser Ziel ist es, Leitanbieter für die Wasserstofftechnologie zu werden“, sagte Kretschmann. „Wir werden aber vielleicht nur zehn Prozent des Bedarfs decken können. Der Süden darf nicht gegenüber dem Norden benachteiligt werden. Wir müssen internationale Partnerschaften eingehen.“
2030 ist für Söder zu spät
Wenn der Süden erst 2030 an eine Wasserstoff-Pipeline angeschlossen werde, sei das zu spät. Söder nannte die Konzepte für den Ausbau von Wasserstoff-Pipelines „Sackgassenpläne“. Ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts werde im Süden erwirtschaftet. „Beide Länder sind energiehungrig, beide Länder wollen die erneuerbaren Energien ausbauen. Dann kommt man am Wasserstoff nicht vorbei. Nach unserem Eindruck wird die Entwicklung nur vom Norden aus gemacht“, sagte Söder. Nötig seien Leitungen in den Süden und eine Plattform für die Planung. Für den Bau der Stromleitungen sei die Bundesnetzagentur zuständig. Wenn Deutschland bis 2030 an ein Wasserstoffnetz angeschlossen werden solle, dann müsse die Bundesregierung „klare gesetzliche Regelungen“ schaffen und für die Koordination des Pipeline-Ausbaus endlich eine Agentur schaffen.
Für den Leitungsausbau zum Wasserstofftransport in den Süden sind zwei Achsen in der Diskussion. Sinnvoll wäre der Bau einer Wasserstoff-Pipeline entlang der Autobahn 8. Damit könnten industrielle Cluster auf der Achse Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, München versorgt werden. Markus Hölzle vom ZSW hält es zudem dringend für erforderlich, durch Südeuropa eine Wasserstoff-Pipeline in die Maghrebstaaten zu bauen: „Die Welt wird in ein wenigen Jahren in grüner Energie ersaufen. Eine solche Pipeline kostet zehn Milliarden Euro“, sagte Hölzle. Das seien vergleichsweise geringe Investitionen, schließlich gebe der Bund jährlich für die Produktion grünen Stroms 30 Milliarden Euro mit der EEG-Umlage aus. Kretschmann hält eine solche Pipeline für „grundsätzlich erforderlich“; Söder rät, hierfür zunächst „industrielle Partner“ zu suchen. „Zur Not müssen wir es selbst machen. Wir wollen beim Ausbau der Wasserstofftechnologie einfach nichts versäumen.“
Eine permanente Südschiene zwischen Bayern und Baden-Württemberg gibt es im Moment nicht. Dazu sind die parteipolitischen Interessen zu unterschiedlich. Söder und Kretschmann kooperieren, wenn es thematisch sinnvoll ist. Mit der Ampelregierung sind beide unzufrieden: Kretschmann sagte, er habe es keinen Tag bereut, sich gegen eine Ampelkoalition entschieden zu haben. Söder sagte, die Gasumlage sei „einfach Murks“. Und in der Corona-Krise habe die Bundesregierung die Länder wenigstens immer im Voraus informiert.
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